Arbeit und Freizeit in Каракол

Knapp drei Wochen verbrachte ich im Westen des Landes am Issyk-Kul und habe doch tatsächlich nur einen Tag am Gewässer dieses (ich sagte es vermutlich bereits einmal) zweitgrößten Alpinsees der Welt (Numbero uno todavia es Titicaca – Bolivia/Perú) zugebracht. Superlative machen also aus einem Menschen, der die Besuche am Freilinger See an zwei Händen abzählen kann, nicht unbedingt zur Badenixe bzw. Badenixer.

10 Tage von diesen knapp drei Wochen verbrachte ich ja im Terskej-Ala-Tau-Gebirge, den Rest jedoch in Downtown Karakol. Einer von gut 75000 Menschen* (warum eigentlich immer diese runden Zahlen bei „Zählungen“?) besiedelten Stadt. Das Downshiften von der Riesenstadt Bishkek hat mich sehr erfreut und angesichts der holprigen Strecke dorthin und auch bei der Architektur schon Südamerikagefühle geweckt – insbesondere an die Carreterra Austral in Chile. 

Image00010In Karakol wird zwar nun wesentlich öfters kirgisisch anstatt russisch gesprochen, doch ist in Karakol definitiv die Präsenz russisch-stämmiger Kirgisen wahrnehmbar. Reiseführer singen einhellig das Lied, dass mit dem Fall der Sovjetunion der Spieß umgedreht wurde: Waren zuvor russischstämmige im Besitz besser bezahlter Posten und ermöglichten dies dann ihren „Landsleuten“, so ist es nun genau anders herum und insbesondere ältere russischstämmige Kirgisen wurden vom Fall der Union hart getroffen, da wohl sämtliche Altersvorsorgen nutzlos geworden waren. Insgesamt sind es im übrigen 25 Millionen „native Russians“ die außerhalb Russlands und innerhalb der Sowjetunion leben**.  Man könnte daher auch meinen, dass es offen ausgetragene soziale Konflikte geben müsste, als Reaktion auf die nun erfahrene Diskriminierung.  Pål Kolstø argumentiert in einem Artikel, den ich für diese paarzeilige „Recherche“ las, jedoch dafür, dass gewisse Voraussetzungen zu erfüllen seien: Zum Beispiel waren russische Aktivisten immer auf ihre nun nationalen Interessen bedacht und nicht die ihrer co-ethnischen „SchicksalsgenossInnen“ in den Nachbarländern – eine übergreifende Solidarisierung und Aktion für deren Rechte blieb also aus. Auch vergleichen und beschreiben sich die ethnischen Russen „im Ausland“ im Hinblick auf ihre „ethnische Herkunftsgruppe“ der Russen in Russland positiver: sie würden härter arbeiten, weniger trinken und hätten stabilere Ehen – so die Meinung. Auch zeigt sich wohl, dass jene die in ihre „historische Heimat“ zurückkehren, kaum willkommen geheißen werden.** Man könnte sagen, jetzt besteht auch die Notwendigkeit zu einer Art Reintegration der ethnischen Russen, denn es gibt immer mehr Bestrebungen Kirgisisch als zentrale Sprache zu etablieren – denen fällt es jedoch schwer, diese Sprache noch zu lernen – dies wird jedoch eher zur Notwendigkeit werden, um Zugänge zu Jobs zu haben und auch weil aufgrund der geringeren Anzahl die Communities kleiner werden, in denen sie mit ihrer Muttersprache klar kommen könnten.** Einzig jene, die jetzt noch/schon über wichtige Qualifikationen wie eine höhere technische Ausbildung verfügen, haben ein gewisses Druckmittel um sich einer drohenden Anpassung gewissermaßen widersetzen zu können ***.Image00001 Und nicht zuletzt lässt sich wohl auch mein Russischlehrer mit seiner Meinung anführen, dass es eine Demokratie westlich-europäischer Prägung in Russland nie gegeben hätte – gewissermaßen, die kulturellen Voraussetzungen als anders zu betrachten seien. Somit lässt sich auch die Frage nach der Mobilisierbarkeit oder vielmehr des Interesses an Mobilmachung anders betrachten – es liegt vielleicht einfach näher die Situation zu ertragen, seinen eigenen Weg zu finden usw. Aber das sind jetzt auch nur Vermutungen.

Nun aber mal zur Freizeit:
Image00011Einer Gruppe aus dem Hostel schließe ich mich an, um für knapp 10€ ein Paraglidingtandem zu machen. Unser Guide: ein ethnischer Russe, in circa meinem Alter und somit hier als „Kirgise“ aufgewachsen. Glücklicherweise haben wir einen Tschechen an Bord, der eigentlich in China lebt und in Bejing ganz ohne Studium einen Jogurt-Business aufgebaut hat. Er spricht auch russisch und kann somit gut vermitteln. Er weiß zu berichten, dass hier ein gewisser Wehmut nach der Sowjetzeit besteht…denn früher gab es schließlich Arbeit und somit eine Perspektive. Offensichtlich sind hier vielleicht auch die Dinge etwas anders gelaufen als in Osteuropa. Der Tandemflug selbst dauerte nur fünf Minuten, da wir jedoch zu fünft waren und einiges an Wartezeit auf den richtigen Wind verwendet wurde, gab es genug Zeit für Gespräche und genießen der Aussicht auf den Vorläufern der Terskej-Alatau Berge. (Ich bin sogar unweit an dieser Stelle aus einem Nachbartal von meiner 10tages Tour wiedergekommen).Image00012

Mit dabei sind zwei britische Radfahrer, die auf dem Weg nach China sind und sich ob der Aussicht wirklich sehr ausführlich freuten. Hier stellte ich dann dochmal fest, dass ich dann doch eher der Zu-Fuß-Tourist bin. Irgendwie hat das was mit dem Fahrrad zu fahren, man kommt mehr in Kontakt – aber das wird auch sehr schnell anstrengend und wenn ein konkretes Ziel, eine bestimmte Route vor Augen ist, dann fängt man auch eher nicht an die tatsächlichen Vorteile des Rades zu nutzen, in jede kleine Seitenstraße einzubiegen, um an irgendeinen Hügel zu kommen. Man folgt eher noch viel mehr einem vorgegebenen Pfad und hat diesen mehr oder weniger stark mit Autos, Lkws und Bussen zu teilen, die hier wohl allenfalls eine rote Plakette bekämen. Natürlich wäre dann die Kombi: Fahrrad+Wandern vielleicht etwas spannendes. Aber letztlich zeigt sich, wenn man wandern will, muss man womit auch immer man unterwegs ist, immer irgendwo abstellen, dafür dann bezahlen usw. Und überhaupt: Radfahren und Wandern hört sich für mich eher nach vermeidbarer Doppelbelastung an. Alos:scheint irgendwie alles nicht mehr so attraktiv für mich zu sein, so mit dem Rad von Germanien bis nach Sonstwohin…
Image00013Das Paragliden selbst war eine völlig neue Erfahrung, die ich definitiv nicht zum Hobby machen will. Die Aussicht und das erste Gefühl sind im wahrsten Sinne erhebend, der Blick auf den Boden jedoch kaum.

Wieder zurück im Hostel hält der Alltag ein: im Zelt schlafen, gegen 7 vom aktiven Hostelbesitzer beim Reinigen des „Außengeländes“ geweckt werden, Frühstück machen und arbeiten an der Hausarbeit, Einkaufsbummel zum Basar, gegen Nachmittag dann begrüßen von neuen BesucherInnen oder altbekannten Gesichtern, die meist für 3-5 Tage auf Wandertour gehen und ich mit der Zeit zum Inventar des Hostels werde. Dann wieder der Versuch an der Hausarbeit weiter zu arbeiten. Das ganze unterfangen wird dann vom Abendessen und einem gesprächigen Abend oder Filmabend im Zelt beendet.

Image00004Tatsächlich habe ich diesen tagtäglichen Alltag neben dem Paragliden nur um eine weitere „grössere“ Aktion erweitert, nämlich einen Tagesausflug nach Jeti Oguz. Während der Wandertour durchquerte ich das Tal an dessen Fuß ich nun fahren wollte. Erstmal war jedoch ein Transport zu kriegen, den gäbe es jedoch nicht, erzählte man mir am sehr geschäftigen zentralen Basaar der Stadt. Ich hole verschiedene Angebote ein, ohne sie hören zu wollen und versuche mich an einer total feshen Erwiderung auf die astronomischen Preisangebote die so etwas sein sollte wie „und ich bin der Kaiser von China“, woraus jedoch wurde „und ich bin dein Großvater“ – nicht zu unrecht wurde diese Äußerung bei den Verhandlungen nachgiebig übersehen/-hört. Irgendwann findet sich dann jemand, der tatsächlich sagt wo ich einen Transport herkriege, sodass ich bald in einem regulären Shared Taxi zum Dorf Jeti Oguz fahre, von wo ich dann doch ein Taxi zum Kurort nehmen muss. Auf der Fahrt nehmen wir noch circa fünf Mädchen in Schuluniform auf – das heisst schwarze Kleidchen mit weissen „Buscheln“ in den Haaren, die Image00005unentwegt kichern. Kurort…Wieder eines dieser eingerussischten Wörter – es hört sich ausgesprochen jedoch eher nach Kuhort an. Aber worum gehts eigentlich: Eine interessante Gesteinsformation, welche die Kirgisen an sieben Bullen erinnert und an deren Füßen ein russisches Sanatorium, welches immer noch in Betrieb ist. Einmal angekommen laufe ich dort herum und gehe noch in eine Art kleinen Canyon, der von Pferden besiedelt ist und mache mich dann irgendwann auf den Rückweg. Wenngleich ganz nett, so hat mich das Hin- und Wegkommen schon eher genervt und auch, dass ich nur in einem gewissen Areal mich bewegen kann war eher langweilig- wodurch wieder ein weiteres +1 für Mehrtageswanderungen zustande kommt.

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Image00009Eine letzte erwähnenswerte Begebenheit soll der Besuch in Kirgistans einzigem Zoo sein. Es war traurig. Sichtlich hospitalisierte Tiere in viel zu kleinen Arealen.

Irgendwann dann sticht mich der Hafer und ich verlasse Karakol, etwas wehmütig, denn sich von Routine(n) loszulösen ist ja immer etwas schwer, aber die Zeit drängt und ich will noch eine weitere Wanderung in der Gegend machen, um darauf dann endlich meine Hausarbeit abzuschicken und mich den letzten Wochen frei dem Reisen widmen zu können.

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* http://kyrgyzland.com/kyrgyzstan/cities/article23.htm

** Pål Kolstø (2011): Beyond Russia, becoming local: Trajectories of adaption to the fall of the Soviet Union among ethnic Russians in the former Soviet Republics, Journal of Eurasian Studies, Volume 2, Issue 2, July 2011, Pages 153-163, (http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1879366511000133)

*** INS RESOURCE INFORMATION CENTER (1993): Alert Series – Kyrgyzstan – Political Conditions in the Post-Soviet Era. (http://www1.umn.edu/humanrts/ins/kyrgyz93.pdf)

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