Kurzbeobachtung

Die Erziehung mit der harten Hand, scheint uns Menschen zu liegen… Ein aggressives aber mit Bestimmtheit unterdrücktes Zurechtweisen, ein permanent vor sich hin knatschendes Kind, dann wieder „patsch, patsch“, worauf die bestimmte Zurechtweisung weitergeht, unterstrichen nur vom „patsch“ „patsch“ der Erziehungsgehilfin der Wahl, also der Hand.
Schräg gegenüber eine Art Bauwagen, verdunkelt und von außen mit Computerspiel und Internetsymbolen übersäht, drinnen, ab 9jährige die Ego-Shooter shootern oder mit Panzern herumfahren. Man erwartet, dass ich etwas aufregendes mache – nach circa 5 Minuten sind die drei Kinder hinter mir jedoch vom lesen von Mails gelangweilt.
Das ist irgendwie mehr Reisen, aber es kratzt auch wieder alles nur an der Oberfläche. Auf dem Weg zu einer neuerlichen Wanderung begegne ich einer Ethnologie-Studentin, die über private Kontakte ihre ganze Zeit in Kirgistan in dem weitverflechteten Familiennetzwerk verbringt und dank dessen, dass sie die lokale Sprache lernt nun wohl am ehesten behaupten kann, dass sie das Land kennenlernt. Ach „wir“ Amateure. Aber was ist schon Reisen? Ich denke für die meisten, ist es am wenigsten, das einlassen auf die Tatsache, wie Menschen sich tatsächlich in ihrer angestammten Gesellschaft verhalten. Es geht auch meist a) wegen der Sprache und b) wegen der Kontakte nicht. Und gleichzeitig ist es ein seltsames Bestreben der Reisenden irgendwas besonderes zu entdecken – so meine Unterstellung, aber jede/r könnte merken, dass man, sobald man nicht diesen Einbezug in das Lokale hat, mehr oder minder sofort zur Veränderung des Ortes/des Kontaktes/der Interaktion führt. Mithin zur Kommerzialisierung beiträgt. Das kann in den Köpfen der Menschen sein, aber auch in der Tatsache, dass Dinge nun nicht mehr nur über Reiseführer, die in tausendfacher Auflage über „off-the-beaten-tracks“ berichten *hust*, in die Reisepläne der Reisenden gelangen, sondern auch über das sogenannte In-te-r-ne-t. Ich würde eher sagen, dass es Orte gibt, an denen „noch nicht so viele“ Menschen waren. Aber das mit dem Einzigartigen ist irgendwie Blödsinn.

Ein vielgereister Mann in seinen Fünfzigern sagt, dass das nicht geht. Das mit dem Reisen und dem die Kultur kennen lernen. Könnte stimmen. Es wird davon ausgegangen, dass das zwei Paar Schuhe sind. Kontakte haben, die Sprache sprechen und mit den Menschen leben oder umherreisen, keine Sprache sprechen, in diesem Englisch mit furchtbar schrecklichschönem deutschen Akzent etwas fragen…. Aber macht das nicht müde? Dieses ewige bezahlen, irgendwo hin kommen, schöne Fotos machen, paar Berichte  schreiben und/oder Fotos hochladen?

Erstmal zurück zu den skizzierten Szenen: Zum Beispiel die geschilderte Momentaufnahme der „Erziehungssituation“; diese bleibt eine Momentaufnahme und sie ist zwangsläufig durch meine europäisch-westlich-postindustrielle-demokratische-materialistische-bliblablubistische Brille geprägt. Mein etwas zu sehr von seinen Ansichten überzeugter Gesprächspartner ist hierfür ein gutes Beispiel. Er ist zum Beispiel der Meinung, dass die Jahrzehnte des Kommunismus in den ganzen -Stan-Ländern für einiges an Homogenie gesorgt haben.. Religion unterdrückt, Kultur plattgewalzt, Architektur aufgepropft und natürlich als Wehmutstropfen den Alkohol dagelassen. Doch genau das findet er natürlich auch spannend sich anzuschauen. Diese unterstellte Gleichförmigkeit, ein Land – so die Annahme – völlig überformt vom Sowjet-Style…

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Dem Juri Gagarin sein Kopf

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Dieses Foto entstand auf Aufforderung des Herrn

All das kann man natürlich hier sehen: breite Straßen, Statuen kirgisischer oder russischer Menschen die sich irgendwie einen Bronzeklon verdient haben, sowjetische Ferienanlagen oder Sanatorien, die langsam vor sich hin verrotten, weil sich niemand drum kümmert – und das wäre auch wieder eines seiner Argumente: die Menschen haben nie Verantwortung gelernt – es wurde ihnen etwas hingestellt, es wurde verordnet, dann hat man was gemacht und nun wo es Eigeninitiative verlange fühlt sich niemand _P1410153zuständig…scheint mir jedoch etwas zu simpel zu sein, dann natürlich noch verkümmerte Plattenbausiedlungen und ja, auch betrunkene Menschen morgens um halb Acht. Aber was man auch sehen kann, wenn man – und das wäre jetzt mein argumentativer Clou – es irgendwie schafft etwas mehr über die Realität zu erfahren, als sich nur dem bloßen Auge darbietet. Von der erwähnten Ethnologin erfuhr ich zum Beispiel, dass in kirgisischen Familien der jüngste Sohn bei den Eltern bleibt und dann später das Haus übernimmt. Da die Geschlechterrollen hier relativ uninnovativ ausgeführt werden, heisst das für die Damen natürlich „obacht bei der Partnerwahl“ – beziehungsweise das Lied von der Schwiegermutter müsste umgedichtet werden. Auch trägt der größere familäre Rahmen gemeinsam Risiken und man unterstützt einander mehr. Was die Religionsausübung angeht, soll man hier wohl einen Mix aus dat-ham-mir-immer-scho-so-jemacht Schamanismus und dem relativ neumodernen Islam sehen können. Auch die Tatsache, dass man zu den ungünstigsten Zeitpunkten, wie wenn man gerade zur Wanderung aufbricht, zum Tee eingeladen wird – scheint mir eher regional-spezifisch als typisch „sowjetisch“.
Sind jetzt nicht besonders weitreichende Beispiele, aber die Behauptungen meines Gesprächspartners betrachtete ich dann schon als eine gewisse Ignoranz gegenüber der Tatsache, dass trotz der gleichmacherischen Tendenzen der Sowjetunion, man wohl noch für jedes betroffene Land bzw. kulturelle Region eine individuelle Verarbeitung und Entwicklung einer post-sowjetischen Identität behaupten kann.

Dieses vielleicht als vorerste kleine Randbemerkung zu den zwei Monaten in diesem interessanten Land. Die letzten zwei Wochen konnte ich für mehr Reisen etwas in den Süden des Landes nutzen, wo es doch eindeutig noch etwas mehr „unsowjetisch“ zu ging.
Weitere Berichte folgen dann – inshallah – nach meiner Ankunft in Germania Ende der Woche.

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