Die Hostelgesellschaft

Hostels sind ja konzeptuell so etwas wie Jugendherbergen, nur halt in globalisiert. In dem Sinne, dass sie häufig typische Elemente der jeweiligen Landeskultur mit Angenehmlichkeiten verbinden, die man vielleicht eher in westlichen Gesellschaften gewohnt zu sein scheint. Allen voran natürlich der Vorteil englischsprachigen Personals, aber auch Sitz- und nicht Hock-Toiletten, eine Küche in der man sich selbst verpflegen kann und natürlich andere Reisende, mit einem weitesgehend vergleichbaren Mindset.

Dabei führt ein Mix aus Reisezeit, Reiseziel und Ausstattungsniveau und Bekanntheitsgrad des Hostels zu einem gewissen heterogenen Mix, der zugleich auch über relativ viel Homogenität verfügt – eben gleiche Ziele, Zeiträume und Erfahrungswerte.

Jetzt habe ich ja schon neun Tage in einem Hostel in Bishkek verbracht und zusammengerechnet auch schon mehr als eine Woche in einem Hostel in Karakol und kann folgendes konstatieren: Zum einen gibt es für eine Periode von zwei bis drei Tagen meistens die Überrepräsentanz von Menschen eines bestimmten europäischen Landes. Mal Israel, mal Frankreich, Deutschland, England oder die Schweiz. Meist halte ich jedoch allein und stolz die Flagge der Nation der dichten Denker und Asylbewerberheiminbrandsetzer hoch. Weitere nationale Ausreißer sind Menschen aus Australien, Neuseeland, USA, Kanada, Uzbekistan, Österreich, Niederlande etc.

Dann ist es natürlich so, dass innerhalb dieser Gemengelage von Menschen unterschiedlichster Herkunft doch gewisse Reisestile hervorzuheben sind und zugleich gewisse Muster hinsichtlich der Interaktion dominant erscheinen.
Also entweder die Radfahrer, die Motoradfahrer, die Backpacker oder „Trekker“. Während die ersten drei typischerweise auf einer Welt- oder zumindest Zentralasien und dann nach China, Indien etc.-Reise sind, unterscheiden sich die Backpacker und Trekker eher nur darin, wie ernst sie es mit dem Wandern auf ihrer Reise nehmen. Vorherrschend ist jedoch, dass Kirgistan eher nur ein Zwischenstop ist und viele auf dem Weg nach China, Kazakhstan, Tajikistan oder Mallorka sind.

Der Idealtyp des Backpackers spricht nun meist keine hier relevante Sprache, bereist zentrale, bekannte Spots und nutzt eine mittlerweile relativ gut ausgebaute Infrastruktur namens „Community based tourism“ – Hierüber werden Touren, aber auch Unterkünfte vermittelt und sollen, so meine Vermutung, die lokalen Einwohner an den Wonnen der eierlegenden Wollmilchsau namens Tourismus teilhaben lassen. Inwieweit dies funktioniert, kann ich jedoch noch nicht beurteilen. Tatsächlich kommt man also mit ein paar Höflichkeitsfloskeln und den Zahlen von 1-10 auf russisch oder kirgisisch erstaunlich weit und kann sich alles anschauen, was es so an, durch den Reiseführer erprobten und entsprechend ausgezeichneten Must-See’s der Region gibt. Entspannend ist natürlich zugleich, dass es kaum kulturelle Sehenswürdigkeiten gibt.
Die Trekker sind dann, wie gesagt, am ehesten davon zu unterscheiden, dass sie den Schwerpunkt noch mehr auf Wanderungen oder vielleicht sogar Bergsteigen legen. Die kommen dann wohlausgestattet mit Equipment für viel Geld angereist, während die Backpacker sich eher durch die dürftige, aber machbare Auswahl an zu verleihendem Equipment aus hiesigen Outdoorläden bedienen müssen, da die Wanderung ja eher nur eines der vielfältigen Ziele ihrer Wanderung durch die Welt darstellt. Dabei leben einige auch schon länger nicht mehr Ursprungsland, sind insgesamt mehrjährig unterwegs, haben ihre Work/Life Balance auf Unterwegs sein eingestellt oder gehören sonstwie irgendwie in besonderweise zu den Profiteuren der Tatsache ihr (westliches) Auskommen auf nicht-westliche Lebensbedingungen einstellen zu können.

Die dominante Kommunikationsform ist demnach im Wesentlichen davon abhängig, welche Nation gerade überrepräsentiert wird. Nichts desto trotz gibt es einfach eine Art must-have Standardinteraktionsablauf, für den ich noch keinen sinnvollen „Umweg“ gefunden habe… Dies sind die magischen drei Fragen: Where you come from, Where you’re headed und how’s it been – dies besonders oft und offensichtlich, wenn man halt dahin möchte, wo die andere Person gerade herkommt. Als magischer vierter Ausgangspunkt ist die Diskussion und Austausch um Visas ebenfalls zentral, da alle Länder wie Uzbekistan, China, Tajikistan, Turkmenistan, Russland, Mallorca etc. ihre eigenen Spezialitäten im Hinblick auf Visabeschaffung entwickelt haben. Für Schengen-sozialisierte Menschen schon merkwürdig, dass man Mittelsmenschen einschalten muss, um nach China zu kommen, hierfür dann Interviews führt und einen detaillierten Reiseplan vorzuweisen hat. Dafür dann also neben der Zeit gut und gerne 150€ investieren darf.

Die besondere Herausforderung ist also in all dem Kommen und Gehen interessante Gespräche zu schaffen. Denn im Prinzip haben ja alle einen relativ individuellen Erfahrungskontext, wenngleich es sich auch darauf runterkochen ließe, dass alle oder die Mehrheit aus „westlichen“/“postindustriellen“ Gesellschaften kommen. Dem weiterhin im Weg stehend, sehe ich, dass der Hostelaufenthalt für viele nur für einen kurzen Stop zum Aufladen der Smartphones, Kameraakkus und so weiter dient, während es dann kurz darauf weiter auf die Piste geht. Also klassisches Reisen vielleicht, von a) nach b) über c) gehend. Aber was ist das Ziel, wenn man am Ort angekommen schon recherchiert wo es in zwei Wochen hingeht? Ist das immer so und ist nur Kirgisien so unattraktiv, dass man schon durchplant wie’s in China wird. Gibt es ein Ankommen beim Reisen?
Vielleicht ist es also der falsche Ort. Paradoxerweise und Schade ist, dass natürlich die lokale Perspektive noch viel unberücksichtigter bleibt, weil meine Kommunikationsfähigkeiten nicht über Kinder, Frau, Haus, Arbeit und Herkunft haben hinausgehen. Um so spannender natürlich, wenn die lokalen Hostelbesitzer gut englisch sprechen können.

Vielleicht habe ich auch einfach den falschen Reisemodus gewählt und reise zu langsam um dem „Flow“ des Reisens und mit den alltäglichen Anforderungen konfrontiert zu sein.
Mein a) Hostel führt nun eher nur zum b) Basar über c) die Straße. Aber das ist auch schön.

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