Wanderung im Ala-Archa Nationalpark

Endlich raus, endlich raus und den Bergen entgegen. Das erste Mal seit der Fahrt vom Flughafen bewege ich mich etwas länger und diesmal einem ganz bestimmten Ziel entgegen: dieser sogenannten Natur. Davon soll es hier in Kirgistan viel geben. Ich würde sagen in Bishkek taten alle ihr bestes diesen Aspekt relativ großzügig aus dem Alltag zu verbannen. Aber nein, es gibt auch Parks…mit grün!

P1370590aIm Prinzip kann man vom Ala Archa Park in mehrere Täler gehen, die wiederum insbesondere für BergsteigerInnen viele Möglichkeiten bieten. Um die Fahrtkosten zu reduzieren habe ich mir im Hostel einen Schweizer geschnappt, mit dem ich die ersten zwei Tage zubringen werde. Danach will ich noch in zwei weitere Täler laufen, aber es sollte dann doch alles etwas anders kommen.

Erste Station: Ratzek-Hütte. 1000hm und circa 5-6km. Hört sich eigentlich ganz nett an. Mit circa 20kg Rucksack jedoch weniger und ohne Kondition nochmal weniger. Mein gut konditionierter Wanderkumpane unterhält mich am laufenden Band und ich lerne dann doch noch was fürs Wandererleben in Sachen Topographie, Gefahreneinschätzung und so weiter. Insgesamt brauchten wir dann doch mindestens fünf oder sechs Stunden in dem wir uns von saftigen Wiesenhängen in quasi hochalpine Geröllwelten hochgequält hatten. Wir begegneten einer Gruppe Tschechen die drei Tage dort oben warteten um auf den Peak Uchitel laufen zu können, dies wegen Schnee jedoch nicht konnten. Dieser Gipfel ist normal als Wanderweg begehbar, liegt jedoch auf 4500m. An der Ratzek-Hütte angekommen bietet sich ein spannender Anblick. Insgesamt drei Camps gibt es, von denen die ersten zwei massiv besetzt waren mit Kletterschulen, die gerade voll im Training waren. Wir gehen zum letzten Camp, das noch etwas ruhiger aussieht. Schnell bekommen wir heraus für den Luxus auf einer freigeräumten Fläche zu zelten und durch ein Plumpsklo defäkieren zu können, rund 5€ pro Zelt zahlen zu dürfen. Nett!
Toll an der Kloinstallation ist einerseits, dass das Lager und die Klo’s von einer Moräne getrennt werden, wenn man aber auf dem Grat der Moräne steht und die Luft gerade günstig weht: Heissa!

Mir gefiel die Atmosphäre einerseits und andererseits garnicht. Zuerst wollte ich länger bleiben, um noch auf den Peak Uchitel laufen zu können. Jedoch wollte ich mir etwas Akklimatisierungszeit gönnen, da ich ja quasi an einem Tag von Nix auf rund 3500hm gestiegen war. Die Sache mit dem zahlen war mir dann aber zu blöd und ich verblieb mit dem Schweizer dabei am nächsten Tage die erste Stunde dem Weg zu folgen, was sich definitiv lohnte und auch vom Peak Uchitel wäre die Sicht vermutlich noch hervorragender gewesen. Gefallen hat mir dieser Expeditionscharakter der Wellblechhütte mitten im alpinen Panorama. Dann war da noch die Bekanntschaft mit Max, jemand der sich als Deutscher begreift, aber vermutlich soviel Russisch spricht, dass es sich auf seine deutsche Aussprache auswirkt. Witzig irgendwie. Witzig auch, dass wir im selben Flieger von Istanbul nach Bishkek saßen. Er war sehr interessiert die Möglichkeiten für Bergtouren aufzuzeigen und erzählte, dass er bereits vor zwanzig Jahren hier gewesen sei und der Gletscher zu dieser Zeit noch beinahe bis zur Hütte gereicht hätte. Damals gab es auch noch mehr Plätze um kostenlos zelten zu können, aber jetzt wurde diese gesamte Fläche effektiv von Tourcompanies in Beschlag genommen. Er ist durchaus redselig und so kommt es zu einer Pseudofachsimpelei über die Arbeits- und Lebensbedingungen in Kirgistan. Festzuhalten ist, dass die Annahme besteht, dass es effektiv keine gut ausgebildeten Menschen gibt, welche die Straßen anständig sanieren würden, gute Häuser bauen könnten oder sonstige technische Expertise besäßen. Sobald jemand so eine Qualifikation hätte, würde er oder sie sofort das Land verlassen. Kurzum, mit dem Ende der Sowjetunion waren die Länder plötzlich selbst auf sich zurückgeworfen, eine entsprechende Infrastruktur etc. aufrecht zu erhalten oder zu entwickeln. Man könnte sagen, dass es bis dahin noch ein weiterer Weg ist. Ich verbringe nach diesem vielleicht etwas zu vorurteilsbehafteten Gespräch eine etwas unruhige, aber dafür nicht kalte Nacht mit einem Schweizer in meiner Apside.

Am nächsten Tag gehen wir dann befreit von den Lasten des Rucksacks Richtung Peak Uchitel und haben das volle Bergkesselpanorama. So sehr mich die SeilschafteP1370539 Panoramaan faszinieren die in diesen Kessel laufen, um sich dann dort die Berge hochzukämpfen….ich bin dann doch froh, dass ich einfach nur schauen und fotografieren kann.

Kurz danach geht es dann an den Abstieg. 1000hm runter und circa 4h später verabschiede ich mich dann von meinem Wanderkumpanen und mache mich auf in das nächste Tal. Dies ist sozusagen das Haupttal des Ala-Archa Parks, da dort der Ala-Archa Fluß entspringt und ich eigentlich nichts anderes tun muss als diesem zu folgen. Eigentlich. Denn der Weg ist die ersten zwei Kilometer ein absoluter K(r)ampf: Kämpfen durch Gebüsch und munteres steigen über Steine reissen meine Motivation ziemlich in den Keller…Eine Stimme macht sich bemerkbar: „Soll das jetzt das Wandern sein, was ich mir so toll vorgestellt hab?“..eine andere Stimme verschafft sich Gehör: „Aber wolltest du nicht auch etwas Abenteuer und einfach mal so draufloslaufen?“ – „ja, aber gerade stehen können, das wär schon gut“. Am Rande der Erschöpfung angekommen und leicht verzweifelt, kommt mir dann tatsächlich ein Paar entgegen und ich konnte mich versichern, dass ich tatsächlich auf dem richtigen „Pfad“ war und das vor allem eins gilt: rechts vom Fluß bleiben. Die Karte vom Gebiet schlägt mehrfach ein Furten vor, aber das ist eher ein schlechter Scherz, denn der Fluss ist einfach zu schnell und zu stark und zu und zu. P1370652aAlsbald treffe ich dann endlich auf eine ebene, weite Pferdestreuobstwiese. Schnell Zelt aufgebaut, Linsen gekocht, Büchlein aufgeschlagen, versucht zu schlafen, bemerkt, dass der Fluss auch noch im Dunkeln rauscht und ihn mit Ohrenstöpseln ausgeschaltet. Zwischendurch habe ich nochmal Nachts rausgeschaut und… es ist einfach überwältigend: so viele, viele, viele Sterne und null Lichtverschmutzung und man sieht die Milchstraße und was weiß ich.
Am nächsten Morgen dann wieder erstmal der Haushalt: ab in die Küche und essen warm machen, dann ab ins Bad Zähne putzen, dann das Bett machen und dann los zur Arbeit.

Der Weg ist klar, einfach dem Fluss folgen und idealerweise Steinmännchen erkennen, die mitunter dann doch einen leichteren Weg aufzeigen können. P1370738aEs geht weiter über Steine groß und klein, Wiesenflächen zu einer weiten Fläche, die sich für eine Rast in der Mittagshitze gut anbietet. Darauf folgt dann „endlich“ ein richtiger Anstieg und ehe ich mich es versehe habe ich quasi das Ende des Tales erreicht. Vorbei geht es an einer verlassenen russischen Meteorologidingsbumsstations, die ich an ihrer übrig gebliebenen Ausrüstung nicht erkannt hätte. Was jetzt noch bleibt ist ein strammer Aufstieg, der wieder einmal die Sicht auf einen schönen Bergkessel ermöglichen soll.P1370810a

Heute stehen die Wetterzeichen jedoch nicht unter einem guten Stern und ich sehe hinter mir weiße Kumuluswolken und einige braune Gesellen unter ihnen aufsteigen. Schnell lief ich also hoch und wieder runter, da ich von einem plötzlichen Regeneinfall wenig angetan wäre. Tatsächlich kommen die Wolken erst bei Dunkelheit hoch, führen jedoch zu einem plötzlichen Whiteout, der mich befürchten lässt, dass ich morgen beim Abstieg nichts mehr sehen würde.P1370855 Panoramaa Nun, prinzipiell könnte ich einfach einen Tag im Zelt aussitzen, jedoch war es kalt und ich habe bei der ersten Etappe durch das Gestrüpp meine Luftisomatte angepikst, sodass ich innerhalb von zwei Stunden wieder auf dem Boden lag, wo es natürlich null isolation hatte. Alles in allem entschied ich mich um 6 Uhr. Naja 6.15 aufzustehen, alle Sachen zu packen und schnurstracks soweit zu laufen, wie es das Wetter gebietet.P1370932a Erster Rekord: 30min für Haushalt ohne Frühstück. Während die Nacht wieder klar war, zogen an diesem Morgen wieder Wolken auf. Zuerst kamen sie auf mich zu, dann drehte der Wind und sie gingen wieder ins Tal und ich ihnen hinterher, bzw. vielmehr mit ihnen. Zeitweise war die Sicht bei fünf Metern und somit ausreichend für eine sichere Navigation, aber keine wirkliche Freude mehr. Der Rückweg war dann tatsächlich eher einfache Arbeit. Zurück am Ausgangspunkt aller Wanderwege stand dann die Frage: Zurück nach Bishkek oder ins nächste Tal? Es war erst 12 oder 13 Uhr, also wollte ich zumindest mal in das Tal hineinlaufen bis ich feststellte, dass die Brücke, welche zu diesem führen sollte, nicht mehr existiert. Und weil es schon so schön war, fing es noch so richtig an zu regnen und ich musste mit dem erstbesten Taxi vorlieb nehmen und eine relativ teure Rückfahrt antreten.

Fazit: Eigentlich eine schöne Tour, aber es sieht gewissermaßen so sehr nach den Alpen aus, dass man eine solche Wanderung auch hätte in den… ja, Alpen machen können. Mal sehen, was als nächstes kommt.

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