Mein Wochenende in Bishkek

Liebes Tagebuch,

vier lange Tage liegen hinter mir und einiges ward erlebt:
Donnerstag und Freitag: Zugfahrt durch Südniedersachsen mit einigen schönen Landschaften; Türkisch-Russisches-Sprachbabylon am Flughafen und aufkeimende Panik einfach mal garnichts verstehen zu können, trotz Sprachkurs. Dann Flug. Wiedereinmal grandios alles von oben zu sehen bis aus den kleinen Spielzeughäusern eine endlos anmutende Komposition agrarischer Flächen wird und eine endlose Monotonie anhält – bis über die Wolken. Anflug auf Istanbul: Riesenstadt und zugleich ein zweites Wiedersehen, doch ich bleibe für sechs Stunden im unmöglich großen Flughafen gesehen. Ein rasanter Switch: nach vier Stunden in Deutschland und zugegeben etwas multikulturellem Flair in Hannover dann die totale Ladung Babylon und mega viele Menschen. Ich dachte noch ich könnte mich irgendwo an einen Tisch setzen und vielleicht an meiner Hausarbeit schreiben – Pustekuchen. Dann wieder Flug: jetzt noch mehr russisch; aber auch kirgisisch sprechende – wieder die Sorge: oh je oh je, eigentlich sprechen die Kirgisen ja.. Genau: kirgisisch und was hab ich gelernt und kann es nich anwenden? Genau: Russisch. Ich nutze die Gunst der Stunden und schlafe vielleicht zwei oder drei Stunden. Dann Ankunft in Bishkek nach morgendlichem Flug durch unendliche Wüsten will ich Berge erhaschen doch sehe sie noch nicht. Dann die nächsten Sorgen: die Toilette: zum hocken und eigentlich wegen Überfüllung zu sperren, langes Warten auf das Gepäck und dann ein erfreuliches Wiedersehen. In der Empfangshalle dann die fleißigen Taxifahrer. Nehme ich ein Taxi für 8€ oder nehme ich den öffentlichen Transport? Kurz Geld geholt, die Marshrutka (Minibus der sich ggf. bis zum bersten füllt) gesucht und besetzt. Dann die Fahrt und ein einsetzen des Reisegefühls: es ist warm, es riecht anders, sieht anders aus, es läuft Michael Jackson mit Beat it – alles anders. Dann umsteigen in eine andere Marshrutka und suchen des Hostels – hat alles geklappt: kein Taxi bezahlt, Geld gespart, wird sich noch an anderer Stelle entledigt. Erstmal dann Post-Flugs-Depression, der Wunsch sofort zurückzukehren, die große Frage: was mach ich hier überhaupt? Wurde dann produktiv umgemünzt: durch die Stadt laufen, Benzin an der Tankstelle für den Kocher holen, ganz mondän im Cafe sitzen, während Fußball läuft, der von den ZuschauerInnen begeistert begleitet wird und etwas Internetrecherche betreiben. Zu Bishkek überhaupt: schon eher hässlich. Bauzäune aus Beton, vollkommen zerstörte Fußwege und Straßen (gut, das find ich irgendwie ansprechend), aber sonst überall nur Beton, Mauern, etwas grün, aber viele Autos, viel Lärm.

Andere Hostelbewohner aus Polen und der tschechischen Republik interessieren sich für die Sowjet-Architektur: die besonders breit, besonders massiv und immer zu groß  für den eigentlichen Zweck ist. Eigentlich sind die Straßen aber das einzige, was jemand vor einem Anfall an Klaustrophobie zu schützen vermag. So meine Behauptung. Im Prinzip gibt es auch, zumindest noch keine entdeckte, Gentrifizierung. Edlere Gebäude reihen sich an heruntergekommene Wohnblocks und überall die Hegemonie der völlig zerstörten Fußgängerwege – die ich nach wievor spannend finde! Aber gewiss wird es auch eine wohlhabendere Wohngegend geben.
Dann das Hostel. Wieder eine Art Resozialisierung und Einführung in den Reisemodus: Wo kommst du her, wo gehst du hin, warst du da, wie war das, bli bla blub. Trotz dessen, dass es einen recht regelmässigen Durchsatz an BewohnerInnen gibt, ergeben sich dann doch immer wieder auch interessante Momente und nicht zuletzt auch wirklich hilfreiche Tipps und neue Trekkingideen. Aber auch: ich habe mir alles viel zu schwer vorgestellt. Circa 50% der TouristInnen haben sich nicht per Russisch oder Kirgisischkurs vorbereitet. Menschen aus Polen, Tscheschei etc. haben natürlich einen gewissen Vorteil, aber dennoch. So schwierig zu erreichen und unergründet scheint dieses Land Kirgistan schon lange nicht mehr zu sein.

Eine besondere Begegnung war nun in einem kleineren Supermarkt eine junge Frau, die elf Jahre lang in der Schule Deutsch gelernt hatte und dann an der Kasse stand und sichtlich aufgeregt mit mir redete, während ihre vor sich hin kichernden Freundinnen Fragen über sie an mich richteten und ab und zu das professionell gesetzte Wort „Girlfriend“ hörte. Dennoch, so konnte ein kleiner Einblick gewährt werden, den ich mir mit meinen Sprachkenntnissen sonst nicht erarbeiten könnte. So arbeitet sie zum Beispiel 10 Tage am Stück für 12 Stunden, hat dann einen Tag frei und geht dann wieder arbeiten und erhält hierfür 500€. Da sie studieren gehen will, muss sie ungefähr 400€ im Jahr für Studiengebühren bezahlen. Dies ist die vielleicht zu oft unterschätzte Schattenseite des „günstigen“ Reisens, da es immer schlechtere Lebensbedingungen für andere Menschen zur Folge hat.

[bedeutungsschwere Pause]

..und am Dienstag geht es für circa 5 Tage erstmals in die Berge nahe Bishkeks

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Eine Antwort zu “Mein Wochenende in Bishkek

  1. Lieber Janos,
    man wartet auf weiteres Spannendes von dir 🙂
    Habs gut beim Wandern, ich freue mich auf neue Geschichten…
    Grüsse us de Eefel,
    Judith (gross)

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