Huanchaco

Wir verlassen Huaraz mal wieder per Nachtbusfahrt, dabei soll die Fahrt durchs Gebirge zurück auf die Straße am Pazifik hier besonders schön sein. Leider gab’s dafür aber halt keine Busse und so verpassen wir diese Sehenswürdigkeit. Wieder sind es nur 8h-Fahrt, so dass wir um 4.30 früh bereits in Trujillo ausgeladen werden und uns schlaftrunken mit einem anderen Pärchen ein Taxi zum nahegelegenen Huanchaco teilen. Während Trujillo typisch Großstadt ist, handelt es sich bei Huanchaco um einen kleinen Ort, in dem irgendwie die ganze Backpacker-Tourismus-Branche Einzug gehalten hat. Woran das liegt? P1300734Naja, es gibt Sonne, Strand und Wellen, sodass es hier u.a.  natürlich Surfer hinzieht. Uns zieht die Möglichkeit hierhin nochmal in Ruhe campen zu können – doch von Ruhe wird später keine Rede mehr sein können. Erstmal jedoch, muss der arme Mensch, den wir aus dem Bett klingelten uns einen Platz zuweisen und wir bauen gemütlich unser Zeltchen unter ein paar Palmen neben ein paar wenigen anderen auf. Das ganze 2min Fußmarsch entfernt ist das Meer und Sandstrand. Herrlich.

Dies ist unser letzter Stopp in Peru und natürlich stehen hier wieder auf dem Programm: Ruinen.

P1300648Die Ruinen von Chan Chan sind relativ bekannt, da es eigentlich eine Stadt war, die sich über eine ziemlich große Fläche erstreckte und vollständig aus Lehm erbaut war…und so eine Stadt aus Lehm, das ist ja schonmal was. Ein kleiner Teilbereich wurde aufwändig restauriert und steht nun Besuchern offen. Aufgrund der Wetterverhältnisse: Regen, El Niño etc. ist dieses Erbe jedoch bedroht und findet sich sogar auf der roten Liste des gefährdeten Welterbes wieder.

Hauptsächlich handelt es sich bei diesem Komplex um Gebäude, die für die spirituelle und staatliche P1300679Upper-Class gedacht waren, doch wir dürfen für ein kleines Entgelt völlig frei herumwandeln. Aufwendige Tetris-Muster, weite Versammlungsstätten und komische Figuren geben uns den nötigen kulturellen Input – schon seit mehreren Wochen hatten wir ja schon keine Ruinen mehr gesehen :).

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You’re travelling with the other Tucan Group?

P1300634Willst du das Leben kennen lernen, dann geh‘ Zelten! diesen Satz werde ich irgendwann meinen Enkeln wohlwollend mit auf den Weg geben. Wir haben ja schon einiges auf Campingplätzen, während der Reise, erlebt , was zweifelsohne nur durch Massencampingplätze in Holland (in Spanisch liebevoll: ‚olanda) oder sonstwo getoppt werden kann. Doch wir haben ein neues Ass im Ärmel: den Campingplatz von Huanchaco!

Wie gesagt, es fing alles ganz friedlich an. Mit rund 5 oder 6 anderen Personen teilten wir uns eine ansehnliche Fläche und ich traf hier sehr zufällig sogar eine kurze Reisebekanntschaft aus Bolivien wieder. Eine Nacht hielt dieser Frieden. Als wir dann vom Ruinen-schauen in Chan Chan wiederkamen traf uns der Schlag. Drei riesige, wirklich riesige Busse stehen in der Nähe des Hostels und aus unserem beschaulichen Zeltplatz wurde ein geschäftiges Zeltlager. Rein Englischsprechendes Publikum hat sich an drei Punkten postiert und brutzelt munter Abendessen während es herumlärmt. Die schönen letzten Zelttage in Peru sind also dahin.

P1300745Später am Abend, auf dem Wege meine Notdurft an einer dafür vorgesehenen Toilette zu verrichten, werde ich von einer Horde Jungs aufgehalten und in die lustige Runde mitsamt hohem Alkoholvorkommen eingeladen. Eins ist klar: Kontaktscheu ist hier keiner. Die drei Busladungen sind allesamt einzeln reisende Gruppen, die sich aber nun an diesem Orte treffen, eigentlich aber nix miteinander zu tun haben. Das wird auch schnell klar, denn eine Gruppe besteht aus Ü-40jährigen und von denen hält die Gruppe der U-40 jährigen quasi nichts. Während die Rum Flaschen rumkreisen und immer wieder neue zu diesem lustigen Sit-In vor der Toilette stoßen werde ich öfters gefragt, von welcher Reisegruppe ich denn komme. Das Konzept des Alleine-Reisens ist den andern wohl durchaus besser bekannt, als mir das des Rund-um-Sorglos–Bus-Reisens – denn irgendwie dachte ich immer, dass sich solche Angebote eher an finanziell besser situierte Klientel mit mehr Geld als Zeit und vielleicht sogar mehr Lebensalter richten.

Doch mit dem Fortschritt des Abends kann ich auch diese Wissenslücke etwas auffüllen. Es gibt die Möglichkeit bei diesen Reisebussen quasi an jedem beliebigen Ort dazuzustoßen und dann für eine bestimmte Zeit mitzureisen; manche sind bereits seit 4 Monaten so unterwegs und besuchen in der Zeit mehr oder weniger die selben Länder wie wir, vielleicht noch plus Brasilien und mehr von Argentinien. Primärer Vorteil dieser Reiseform scheint es zu sein, dass man mit einem festen Stamm von Reisepartnern jetzt jeden Abend Party macht und sich dabei an einem schier unerschöpflichen Vorrat an Sexualpartnern bedienen kann. So gesteht ein Neuseeländer seine tragische, seit vier Tagen bestehende Beziehungssituation, da seine Mitreisende „neue Freundin“ ganz entsetzt war zu erfahren, dass er während der Reise bereits mit vier anderen Frauen genau das tat, was er mit ihr tat. Je später der Abend, desto stolzer werden dann die jüngsten Schürzenjägererfolge vorgetragen . Hört sich irgendwie ziemlich nach Klassenfahrt an, oder?

In dieser Truppe stoße ich dann auch wieder auf einen Iren und muss meine Rory-Gallagher-Preisfrage stellen, worauf ich natürlich wieder eine positive Antwort erhalte. Man kennt ihn halt, unser lieber Rory.

Am nächsten Morgen, als die Partytruppe noch schlafend im Zelt liegt und die anderen bereits abgezogen sind diskutieren beim Frühstück wir, die „Alleinreisendenminderheit“, die Vor- und Nachteile einer solchen Reiseform.
Dem üblichen Phänomen des Small-Talks zufolge, wird natürlich erstmal alles über sie schlecht gemacht. Aber so einer negativen Weltsicht möchte ich natürlich nicht weiter Vorschub leisten! Positives also zuerst: Man ist immer in einer mehr oder weniger festen Gruppe, muss kein Spanisch lernen, muss sich keine Sorgen über Busverbindugen, Unterkünfte und was man eigentlich sehen will, machen und…ja, da hörts schon auf. Negatives: Keine Freiheit zur Gestaltung der Reise, keine Interaktionsmöglichkeiten wenn kein Spanisch (also alle Begegnungen noch touristischer als ohnehin), kaum Rückzugsmöglichkeiten, weniger Herausforderung bzw. andere, wie z.B. Aushalten vieler Beschränkungen, vorgegeben Reiseplänen, dem „Willen des Kollektivs“ und dass man stets mit diesem Pulk von Leuten zusammen ist – ob man sie mag oder nicht.

Mein Eindruck war, dass so eine Reiseform sich vermutlich lohnt, wenn man gerne Party macht, die Sehenswürdigkeiten abklappern will und man jetzt kein gesteigertes Selbstwertgefühl daraus ziehen will, selbstständig eine Reise durchzuführen und sich direkt mit der Bevölkerung auseinanderzusetzen. Preistechnisch ist es zwar immer noch teurer, als wenn man alleine unterwegs wäre, aber massiv teurer ist es jetzt auch nicht – ist aber auch vom Niveau her in der Budgetrichtung einzusortieren.

Nach ein paar Tagen ist dann die ganze Baggage abgezogen, doch bevor wir das genießen können, müssen auch wir weiter reisen.Wir nehmen einen Bus rund 4h in den Norden und steigen dort in einen Nachtbus um, der uns direkt nach Guyaquill in Ecuador bringt.

Die Reisezeit in Peru ist somit zu Ende und wir schauen ihr bei weitem nicht so trauernd hinterher als wie (!) in Bolivien. Einmal mehr wurden wir in unterschiedlichster Form Zeugen der sozialen Transformation, die sich durch den Tourismus bedingt und ob wir es wollen oder nicht, wir sind ein Teil davon. Es bleibt zu hoffen, dass die Menschen in all dem etwas gutes sehen können, da es letztlich bedeutet, dass sie davon ja irgendwie leben können bzw. andere Einkünfte haben. Einmal mehr ist Bolivien zugute zu halten, dass man dies dort anders empfindet. Obwohl Bolivien in einer zweifelhaften Studie als das unfreundlichste Reiseland gewählt wurde. Aber diese Studie ist der reinste Blödsinn: Original [1] [2]

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