Abschiedslied vom Lotterleben

Wenn die Sonne es irgendwann schafft das Gehirn in den Aufwachmodus zu versetzen , ist einer der ersten Gedanken: was machen wir nur mit unseren restlichen Tagen? Die letzten Möglichkeiten Ecuador zu erleben, etwas in Südamerika zu tun liegen vor uns, aber gleichzeitig herrscht so eine Müdigkeit vor. Wir sind jetzt in Quito, der best erhaltensten Kolonialstadt in Südamerika – doch diese Reise hat endgültig bewiesen, dass der Kolonialstil, pompöse Kirchen und sonstige Geschichtsträchtige Werke uns nicht vor Freuden aus den Hosen springen lassen. Eher interessant wären Ausflüge in das Umland, sind jedoch etwas umständlich oder als Tour zu teuer und außerdem tragen wir schon so viele, schöne Eindrücke in uns, dass ich mir nicht sicher bin, ob ein Wolkenbehangener Vulkan jetzt ein neues i-Tüpfelchen der Reise wird.

Die Frage was ich eigentlich am besten mit und in meiner Reisezeit mache, fürchte ich, ist immer noch ungeklärt und es schreit eigentlich geradeso nach neuen Anläufen – Zentralamerika, Indien, Iran, Skandinavien…alles klingt so verlockend…aber jetzt wird erstmal wieder alles Ernst. Eigentlich schon wie beim Ende der ersten Reise.
Ich habe überlegt mich in diesem Rückblick ein bisschen an Erkenntnissen aus der ersten Reise zu orientieren, doch ist eigentlich vieles anders.
Etwas pauschal gesagt, sind zwei Unterschiede wesentlich: die Natur ist viel überwältigender, viel extremer, viel schöner – aber die Reise-Bekanntschaften aber auch die Kulturen waren für mich in Südamerika langweiliger…aber irgendwie auch nur bedingt.

Wir und die Andern
In Chile war es mit den Reisenden wie in einer Familie. Entlang der Carreterra Austral waren wir wie so eine kleine eingeschworene Gemeinde – je mehr Reisende dazukommen, so unübersichtlicher wird es, finde ich – und das wurde in der Carreterra Austral durch die schwerere Zugänglichkeit verhindert.
In Bolivien konnte man vor lauter Israelis den Wald nicht mehr sehen, was mir eine Zeit lang tierisch auf die Nerven ging – dennoch, die interessantesten Begegnungen ergaben sich für mich eigentlich dennoch in diesem Land. In Peru schwammen wir plötzlich auf der Massentourismuswelle. Nicht, dass wir uns viel Mühe gegeben hätten Spanisch-Profis zu werden – so war es einerseits toll zu sehen, dass sich noch mehr Leute viel weniger Mühe mit ihrem Spanisch geben, aber andererseits war es auch nervig, dass für manche, länger reisende, es total unerheblich war, sich irgendwie besser mit den Einwohnern zu verständigen. Es fühlte sich in manchen Hostals dann irgendwie so Ignorant an.
Am schlimmsten fand ich es, in sogenannten Backpacker Hostels, wo mir Reisen als eine Gleichung von: Party machen, an Orte fahren wo man Party machen kann und coolen, Abenteuerkram machen und dann auf der Party davon erzählen, vorkam. Nicht, dass ich jetzt als freudloser Mensch nicht nachvollziehen kann, dass es cool ist, Spaß zu haben. In Ecuador bleibt es eigentlich bei einem ähnlichen Bild,wobei wir da tatsächlich nochmal zwei, nein drei ganz interessante Menschen kennenlernen konnten.

Wen man trifft, hängt also irgendwie maßgeblich damit zusammen, wo man ist. In den allerbilligsten Absteigen lernt man entweder niemand kennen oder oft Menschen mit denen es leicht und spaßig ist, Kontakt zu haben. Angenehmer sind manchmal Backpacker-Hostels, weil es da eine bestimmte Infrastruktur gibt, die ganz angenehm ist, allem vorran: bequeme Matratzen – die sind aber auch teuer und beherbergen eine heterogene, aber gleichzeitig auch manchmal sehr homogene Klientel..Wie gesagt: Party.
Dabei kann man auch sagen, dass wir mit garnicht so vielen anderen Reisenden zu tun hatten oder das Gespräch suchten, was sich aus der Müdigkeit ergab, sich nicht immer dem gleichen Gesprächsthemen wie: Hey, wie gehts, wo kommste her, wo warste, oh ja, Bolivien war ja so cheap, ja, ich hab den Inka-Trail gemacht, voll cool, wenn man sich den Weg so richtig erarbeitet, bla bla.

Wenn man sich dann etwas Mühe gibt und vielleicht die ersten nervigen 10min durchhält und tatsächlich die Persönlichkeit dahinter entdeckt, dann hat man vielleicht die Chance eine interessante Persönlichkeit zu entdecken und sich vielleicht auch als interessant für sie herauszustellen – aber meistens…blieben wir still.

Was Konfrontationen mit der tatsächlichen Bevölkerung der Länder angeht muss ich eigentlich eher selbstkritisch feststellen, dass wir es gemeidet haben, z.B: durch Couchsurfing mehr Menschen, aus dem Land, kennen zu lernen. Judiths Zeit in Sorata war natürlich eine gute Möglichkeit viel mehr über das ländliche Leben und die Kultur der Aymara herauszufinden, aber insgesamt war es uns meist zu aufwendig in Städten noch nach potentiellen „Gastgebern“ zu suchen und dies in Einklang mit den eher kurzfristig gewählten Reiseplänen bringen zu müssen.

Auch kulturell ist es natürlich irgendwie interessant, dass gerade in Bolivien noch so ein hoher Anteil an inidigener Bevölkerung lebt und zu Teilen noch viele eigene Traditionen hat – doch ist das ganze doch extrem mit der christlichen Religiösität vermischt und mir will nicht aus dem Sinn gehen, dass es für mich geradezu blödsinnig, aber auch traurig, erscheint, dass dieser ganze Kontinent sich einer Glaubenskonstruktion unterwirft, die mit dem Schwert unter ihnen verteilt wurde und all das was an Spiritualität, an uraltem Wissen, zerstört wurde. Wie konnte es klappen, dass sich ein ganzer Kontinent diesem Quatsch unterwirft bzw. es keine späte Rebellion gibt, jetzt wo man für Unglauben bestimmt nicht mehr am Kreuz abhängen muss? Stimmt, naive Frage.
In Lima, Peru will uns an einer Kirche eine Frau Heiligenbildchen andrehen, doch als wir sie darüber informieren, dass wir nicht gläubig sind, bekreuzigt sie sich schnell, murmelt etwas und läuft fluchs weiter.. Wirklich überall gibt es Glaubensbezeugungen, von Jesus ist mein Chofer (Fahrer), zu Gott lebt oder alternativ: Gott ist nicht gestorben, Jesus ist dein bester Freund und Marienbildchen auf Autos – der Christenkult ist allgegenwärtiges Alltagskulturgut.
Selbst die kleine, tief im Regenwaldgebiet liegende, Gemeinde aus welcher die Guides unserer Dschungeltour in Bolivien kamen, wurde vollständig missioniert.
Irgendwie habe ich also sehr schnell das Interesse an den verschiedenen Kulturen aufgegeben und glaube damit auch nur einer unter den vielen Reisenden zu sein. So gut wie keins der Gespräche dem ich beiwohnte oder was ich hörte, schien sich der Lebens-situation und Umständen der Einwohner zu widmen sondern sich rein auf das subjektive Empfinden des Reisealltags zu beschränken. Was, wie schon gesagt, nur heisst, dass es um Reisepläne, gemachte Touren, erlebte Abzockversuche usw. und natürlich Party und bei manchen mit dem Fokus auf Drogenkonsum, geht.

Damit kommen wir zur Reiseblase, die ich hier phasenweise noch viel stärker empfand als in Israel oder der Türkei.
Einerseits hat es logische Ursprünge, z.B. durch die schiere größe der Länder, gerade Peru und Bolivien, ist es schwierig sich zu entscheiden wohin man reist und was man dort gerade machen will. Die Gefahr in Nicht-touristischen Gegenden zu landen ist recht gering. Im Gegensatz zu Chile wird man in den anderen Ländern geradeso von Tourangeboten erschlagen und viele Dinge sind nur so machbar, weil es keine Infrastruktur gibt, sie alleine zu bewältigen – was jedenfalls das ist, was einem offizielle Stellen, Touragenturen und Reiseführer weismachen wollen. Es gibt vielleicht kein Kartenmaterial, keinen geregelten öffentlichen Transport und die im Raum schwebende Gefahr von Überfällen – aber hätten wir mehr Energie und Mut gehabt, wären wohl viele Dinge – also vornehmlich Wandertouren möglich gewesen. Doch vieles hindert, die Unsicherheit am meisten, dann haben wir echt mal wieder viel zu viel Gepäck und natürlich stets unterschiedliche Vorstellungen und Stimmungen.

Noch dazu, finde ich, dass dieses stetig präsente Angebot hier und dort Touren – meist jegliche Form von Outdoorsport, irgendwie den Druck erhöht jetzt doch mal sowas zu machen, um es getan zu haben, halt so ne richtig erlebnisreiche Reise – aber so häufen sich, auch wenn es vergleichsweise günstig ist, die Kosten und das ist immer schwer abzuwägen, was jetzt was bringt. Mein Fazit hierfür ist jedenfalls, lieber keine Tour als eine schlechte Tour – denn dann ärgert man sich nur über das hinausgeworfene Geld. Und das ist meistens der Fall und oft ist der Grund nur, dass man z.B. nicht alleine zu diesem oder jenem Ort kommt und es günstiger ist, mit einer Tour zu gehen. Zum Beispiel könnte ich morgen für 60$ eine 10h-Tagestour in den Cotopaxi Nationalpark machen, wo man den schönen Vulkan Cotopaxi sieht, eine Lagune und halt Natur. Davon sind dann aber rund 3h reine Fahrerei, dann weiß ich nicht wie die Gruppe ist, wie fit oder eben nicht fit, ob man aufgrund des Nebels irgendwas sieht und man läuft einfach nur stur dem Guide hinterher und kann sich nicht die Zeit lassen, die man haben will, dann gibt es irgendein Essen – wo zu 90% klar ist, dass die vegetarische Alternative entweder vergessen wurde oder ne Fleisch-Suppe mit rausgefischtem Fleisch ist. Die günstigere Option wäre, mit umständlicheren Transportmöglichkeiten alleine in den Park zu gehen, ein paar Kilometer zu laufen und dann in einem der Refugios dort zu schlafen oder zu zelten. Das ist halt umständlich, anstrengender aber auch lohnenswerter und…jetzt nicht mehr machbar 🙂

A Million Miles Away
Zurück zur Blase. Immer wieder fällt mir mit leichtem Erschrecken auf, was für eine Parallelwelt wir uns eigentlich geschaffen haben. Vollständig isoliert von dem deutschen Leben, aber auch von der Tatsache, wie die Menschen hier leben. Unsere Grundbedürfnisse des Essens, Schlafens und Fortbewegens werden letztlich erfüllbar, dadurch, dass jeden Tag irgendwo Menschen sind und sich ein bisschen oder viel Geld damit verdienen, indem sie u.a. diese Infrastruktur bedienen und aufrecht erhalten. Eigentlich ist es schon unerhörlich, wenn wir uns dann aufregen, dass Menschen sich herausnehmen uns ein wenig mehr Geld abzuknöpfen als ihren Landsleuten. Im großen und ganzen sind wir unheimlich priviligiert und regen uns dann trotzdem auf, empfinden es als Ungerechtigkeit, als Diskriminierung und irgendwie ist es das auch – sie hat geradezu System wie in Peru, wo für Eintritte in Nationalparks oder Ruinen einfach überirdische Preise verlangt werden oder auch hier in Quito wird für eine 15min Gondelfahrt 8$ verlangt, für Ecuadorianer die Hälfte. Aber ist es wirklich so schlimm…Irgendwie ist es das, irgendwie ist es aber auch geradezu lächerlich. Dennoch frage ich mich, ob all diese Mehreinnahmen wirklich den Menschen zugute kommen oder nur gefräßigen Systemen, die ihre aufgeblähte Infrastruktur finanzieren müssen.

Dennoch, aus meiner Perspektive, haben diese täglichen Mühen der Menschen, sich irgendwie über Wasser zu halten auch etwas kreatives. An jeder Straßenecke, in den Bussen, überall sind Menschen die irgendwie, irgendwelche Dinge verkaufen wollen. Das Leben ist hier so viel bunter, so oft haben wir uns schon überlegt, wie schön es wäre, nach Lust und Laune vielleicht zu Hause Veggie-Burger verkaufen zu gehen – ein bisschen Nachforschung verweist dann auf die deutsche Gründlichkeit auch jede mögliche Eventualität, jede Abweichung in Gesetze und Reglementierungen zu packen. Warum? Nehmen wir an, jeder Mensch könnte ohne vorherigen Antrag und entsprechende Registrierung und Gebührenzahlung herumlaufen und mit seinem Bauchladen Sachen verkaufen – was würde schlimmes passieren? Würde der Einzelhandel zusammenbrechen? Wäre nicht die Grundlage für einen fundamentalistischen-Döner-Salmonellen-Bauchladen-Terroranschlag geschaffen?  Wenn ich es richtig gelesen habe, darf jemand, der nicht Meisterbäcker ist und eine Anzahl von Berufserfahrung keine Backwaren herstellen und verkaufen…vielleicht ist das aber auch nur quatsch.
Ich verstehe dieses System nicht und dennoch macht es natürlich Sinn alles bis aufs kleinste Staubkorn durchzuregulieren.

Deutsch sein, das ist schwer
Überhaupt finde ich es schwer eine Beziehung zum „Heimatland“ zu haben – immer wenn es um unsere bessere finanzielle Situation geht oder generell die Identität als „Deutscher“ muss ich bescheiden, dass ich daran keinen Anteil habe, dass ich überhaupt wenig mich mit diesem Land identifizieren kann und auch somit auf wenig stolz bin. Ich bin kein Fußballer, kein Goethe, kein Beethoven, nicht mit Frau Merkel im Parteitag und schraube auch keine Gewehre bei Heckler & Koch zusammen. Dennoch kann ich mir nicht vorstellen länger außerhalb dieses Systems zu leben – aber ob es nun das System oder die vertrauten Menschen sind…nun, es wird letzteres sein.
Die Sache mit dem Stolz finde ich sowieso merkwürdig, da wohl, sehr vorurteilsbehaftet gedacht, ein Großteil der stolzen Deutschen, nicht jene sind die zur Existenz und Fortbestand beitragen – aber die Identifikation als Steuerzahler und somit ordentlicher Bürger, reicht da wohl.
Anders gesagt, finde ich es überwältigend, wie klein für mich, von hier, der Gedanke des Landes, des Konstruktes „Deutschland“ ist und kaum ist man in diesem System, ist es die ganze Welt – Arbeiten, Wohnen, Einkaufen, Steuern zahlen, sich mit Gesetzen auseinandersetzen, sie verstehen, sich dran halten, sich ggf. am kulturellen Leben beteiligen, dieses mit seinem eigenen Beitrag bereichern usw.

Im Reisemodus ist man wohl irgendwie dazwischen, raus aus der deutschen Welt, aber alles andere als integriert in der Welt des jetzigen Landes. Reisen erlebe ich bisher als ein, an der Oberfläche kratzen, aber vielleicht will und kann man garnicht mehr erleben – denn in das Leben hier wahrlich einzutauchen, bedeuten vielleicht, zu sehen und zu begreifen, was man im Heimatland, freudig, zurücklassen konnte.
Und so sehr man vielleicht auch nur kratzt, gibt es immer wieder bewegende Dinge. Babys zum Beispiel sind so neugierig und fröhlich. Inbegriff von Ehrlichkeit, unbeschriebene, aber charakterstarke Blätter. Man weiß noch nicht, ob sie mal nette Menschen werden oder gemein, ob sie auf der Straße landen, ob sie studieren, wie viele Kinder sie einmal habenwerden. Jetzt sind sie einfach da und es gibt keinen Menschen, der sich nicht freut, wenn sie sich freuen und zufrieden sind.
Auch der ganze Alltag ist so verschieden, aber wieder sind es immer nur Eindrücke, kurze Szenen – hinter allem stehen soviele Leben, Schicksale, irgendwie miteinander verbunden und wir stehen als Beobachter oft am Rand und so gerne würde ich es direkt festhalten, denn schnell geht alles während eines Tages unter und verloren.

Viel bleibt noch zu schreiben und festzuhalten. Auch wenn negatives manchmal die Berichterstattung stark färbt, wir haben viel sehen und erleben können, was wir wohl nur hier finden konnten und darüber bin ich froh – aber auch darüber, wieder heim zu kommen und mal für etwas längere Zeit, hoffentlich, an einem Ort verweilen zu können.

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