Cusco & das heilige Tal

Da sind wir nun in Cusco – dem Nabel der Welt und waehrend die Nabelschnur schon lange abgeschnitten wurde, bleibt hier wohl auf ewig der Bodensatz der Gesellschaft. Wir Touristen.

P1270181Wobei Bodensatz eher mit Bodenschatz gleichgesetzt werden sollte, denn das Geld fliesst uns in Cusco nur aus den Taschen. Cusco, das ist jede Menge Inkageschichte aber auch jede Menge peruanische Unwirklichkeit. Rund um die Plaza de Armas und den ganzen Altstadtsektor sieht man spanische Prachtbauten und jede Menge naht und moertellos aufgesetzte Inkamauern. Es ist so sauber, wie als waere jeden Tag Putztag und ueberall laufen wir herum um dieses Stueck Irrealitaet zu bestaunen. Der weisse Mann hat angesetzt zur letzten, ewig waehrenden Invasion und dieses Spiel wird jeden Tag wiederholt, bis wir eingehen in das Himmelsreich mitsamt seiner Herrlichkeit in Ewigkeit.. Ihr Armen!

Weil hier die spirituellen Kraefte so gut fliessen, finden sich auch an aller Ecke Anzeigen fuer Yoga-Trekking, ganzheitliches Heilen, Yoga-Lehrer-Ausbildungen, schamanischer Inka-Trek nach Machu Picchu und alleine drei Krishna Restaurants. Auch Langzeit-Kunsthandwerker-Reisende sitzen im Kuenstlerviertel und verkaufen ihr Zeugs und versuchen zwischendurch noch Gras an den Mann zu kriegen. Wenn es nicht der Menschen Realitaet waere, dann faend ich es irgendwie lustig oder laecherlich. Hier ist alles schon schoen, aber doch so kuenstlich, so unglaublich vom Tourismus korrumpiert und keine Aussnahme macht dort Feelgood Yoga und Reiki fuer reiche Touristen…das scheint einerseits alles so unecht. Andererseits fuehren Leute einfach nur ihr Leben, wollen das machen was ihnen Spass machen und wie soll man von all dem Leben, wenn man es nicht an Leute verkaufen kann. Schoen ist jedoch, dass diese Angebote fuer Locals billiger sind.

Es ist wie ein Themenbereich aus Disneyland. Schicke Cafes, saubere Strassen, dank der huebsch uniformierten Reinigungskraefte, die sowieso gut in das Vergnuegungsparkszenario passen.
Was hilft, ist einfach rauszugehen, nach ein paar Bloecken landen wir im echten Cusco, im echten Peru. Die Preise sind weniger europaeisch und es sieht nicht alles so aus, als waere es super einfallsreich und supermodern fuer reiche Kunden hergerichtet worden. Wir besuchen einen Markt und die Kontraste erschlagen einen foermlich… Saftverkaeufer pressen frischen Orangensaft fuer nen halben Euro, der im Touricafé das fuenffache kostet, zwei Film- oder Raubkopieverkaeufer bruellen gleichzeitig ihre Filme und Preisangaben raus. Fuenf Meter weiter hat jeder Stand seine eigene Musikanlage und  man kann praktisch alles Menschenerdenkliche kaufen. Schloesser, Unterhosen, „Marken-Klamotten“, einfach alles. Wir finden letztlich sogar Wanderstoecke fuer Judith, welche dasselbe kosten, wie wenn wir sie im Touristenghetto leihen wuerden.

Tatsaechlich traurig, finde ich die Frauen und Kinder die in traditioneller Kluft und Llama durch das Zentrum ziehen und mit gezwungenem Gesicht sich als Fotomodell fuer Geld anbieten. Es ist irgendwie wie in Aegypten, ohne Tourismus waere hier nichts los und das veraendert einfach alles. Nach einigen, trotz allem gemuetlichen Tagen in dieser Touristenwolke machen wir uns auf eine Tour im nahliegenden, „heiligen Tal“ zu unternehmen.

Ge-Pisaq-t

P1270456Erste Station sind die Ruinen von Pisaq. Das kleine Dorf sieht erstmal unscheinbar aus, aber sobald man  ins Zentrum geht, wird sichtbar was schon Cusco charaktisiert, alles sauber, alles schoen hergerichtet, doch hier dominitiert die Feel-Good-Esoterik. Ueberall gibts Touristensouvenirgeschaeftchen mit Ethno-Kleidung, gesundes Essen mit dem gewissen spirituellen Kniff und entsprechender Preisgestaltung. Wir gehen zum Mittagessen daher in eine kleine Spelunke, da zumindest vegetarische Optionen am Aushaengeschild gehen. Das Kochduo koennte nicht ungleicher sein. Ein junger, hyperaktiver Koch mit sympathischer Bassstimme, der auch seine eigene TV-Kochshow haben koennte, arbeitet Seite an Seite mit seinem, leicht halbseitig gelaehmten, alten Chef. Wir bestellen das Mittagsmenu in vegetarisch, denn am guenstigsten ist es, die festen Menus zum Fruehstueck, Mittag- und Abendessen zu nehmen. Doch, wie sollte es anders sein, die vegetarische Suppe, ist die Rindfleischsuppe, nur halt ohne Rindfleisch, da es vorher schoen rausgefischt wurde. Naja, dennoch war es schoen in einem Laden zu sein, wo alles nicht so rund laeuft und man tatsaechlich so etwas wie die Persoenlichkeiten hinter den Fassaden sieht.
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Gestaerkt machen wir uns zu den Ruinen auf. Entlang eines Gebirgshanges finden sich hier alte Inkaruinen. Das ganze waere natuerlich nicht in Peru passiert, wuerden wir nicht dank unseres Touristenstatusses diskriminiert. Viele Ruinen in und um Cusco lassen sich nur mit dem sogenannten Boleto Turistico besuchen, was stolze 40euro kostet und 10 Tage gueltig ist – fuer Studenten gibts 50% Rabbat. Aber nur fuer Studenten, die unter 25 sind. Denn wie ja statistisch nachgewiesen werden konnte, sind Studenten ueber 26 signifikant reicher. Fuer die Kassierer spielt das keine Rolle, sie haben ihren festen Lohn und die Vorschrift und das Gesetz sagt nun mal, dass es so ist, wie es ist. Wir kommen also vorbereitet nach Deutschland zurueck 🙂
P1270706Es bleibt nur die Frage, warum gibt es sie ueberhaupt, wenn nicht, um mehr Geld zu kassieren? Ich kaufe also fuer den Spottpreis von 20€ das Boletto, welches nur fuer die Ruinen rund um Cusco gilt. Und weils es verkaufstechnisch Sinn macht diese Option so unattraktiv wie moeglich zu machen, ist die Nutzungsdauer auch nur auf zwei Tage beschraenkt. Es ist praktisch unmoeglich alles zu sehen, wenn man sich kein Taxi, aber Zeit nehmen will. So ist das halt. Entweder man macht den Zirkus mit oder halt nicht.

Waehrend der Aufstieg uns einiges von unserer spaerlichen Kondition abverlang, erlangen wir mehr und mehr erstklassige Ausblicke zurueck aufs Tal und auf sehr eindrueckliche Ruinen. Entlang der Abhaenge ziehen sich die Terrassen, die wohl in unglaublich anstrengender Arbeit in die Haenge gearbeitet werden mussten. Wir passieren richtige Doerfer und erblicken am anderen Ende des „Gebirgszugs“ eine Art Festung. Auf dem Rueckweg geht es an einer Art zeremoniellen Staette vorbei. Die Tatsache dass wir zwar wenig von der Bedeutung verstanden, aber recht schoene Ruinen sahen und noch dazu alles recht fuer uns hatten, hat diesen Ausflug echt schoen gemacht.

P1270900Am naechsten Tag fahren wir weiter nach Ollantaytambo um die dortigen Ruinen zu besichtigen. Ollantay ist echt ein huebscher Ort, der zwar den obligatorischen Plaza de Armas, also Hauptplatz aufweist, aber sonst in kleinen Gaesschen und alten Steinhaeusern noch Civil Engineering nach Inka-Art aufweisen soll.

Recht ueberrascht waren wir, als wir um die Inkaruinen Horden von Tourgruppen rumlaufen sahen. Dies erklaert sich vermutlich durch die Naehe zu Macchu Picchu. In Ollantay kann man den Zug nach Macchu Picchu nehmen (noch ca. 30km und dafuer mind. 45$ zahlen). Es kam also richtiges Inkafeeling auf, so bevoelkert wie die Ruinen waren. Der letzte Nutzen war ein Militaerischer. Als die Spananier angelaufen kamen, wurden alle Anwohner nach Ollantay gebracht – also auch von Machu Picchu abberufen. Bei einer Schlacht konnten die Inka tatsaechlich auch die Konquistadoren besiegen, doch die kamen kurz darauf dann einfach mit viel mehr Jungs zurueck und das war’s dann.  Eigentlich alles ganz nett, aber Pisaq fanden wir echt eindrucksvoller. Wir verbrachten die Nacht in einem billigen Hostal und gingen Abends Essen und bekamen dann das Kalkuel kapitalistischer Logik in unsere Baeuche. Hochpreisiges Essen, welches echt lieblos zusammengeklatscht wurde.

Salz, Salz, Salz – ich mag Salz

P1270964Nach dem kurzen Trip ins heilige Tal, verlassen wir dieses heute wieder und schauen uns auf dem Weg noch die Salzminen (Salineras) der Gegend an. Die Verkehrsanbindung zu der Abbaustelle ist ein bisschen duerftig – entweder Taxi oder Tour. Also steigen wir irgendwo aus dem Microbus aus und laufen einen Fusspfad hoch zu den Salzminen. Tausende von Becken werden hier mit salzhaltigem Wasser gefuellt, welches abgeschoepft wird, wenn das Wasser kondensiert ist. Es fuehlte sich unangenehm an, mit Kamera und allem an den ganzen Arbeitern vorbeizulaufen. Diese sieht man interessanterweise nicht an dem Postkartenfotopunkt, wo alle Tourbusse halten.

P1270971Insgesamt war die Tour durchs heilige Tal schoen und natuerlich mal wieder beeindruckend was die Menschen schon vor Jahrhunderten (aus Zwang) geschaffen haben. Traurig natuerlich, dass im Falle der Salzminen die Menschen immer noch so krasse koerperliche Arbeit verrichten muessen und davon gewiss nicht reich werden.

P.S. Trotz der negativen Note macht Reisen immer noch Spass und die Zeit in Cusco war auch nett.

 

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Eine Antwort zu “Cusco & das heilige Tal

  1. Hallo Ihr Lieben, ich schicke Euch dann auch endlich mal herzallerliebste Grüße und wundere mich auch, wie schnell die Zeit rast! Ihr habt wunderschöne Bilder gemacht, Wahnsinn!!!! Ich wünsche Euch noch ganz entspannte letzte Wochen, genießt es in allen Zügen! Bis ganz bald, nur das Beste von Bärbel

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