Abschlussstatistik Bolivien

Bevor die Zahlen kommen, erstmal was sentimentales:
Wir betraten Bolivien durch die Salzwüstentour und als wir im ersten Dorf ankamen, meinte ein Mitreisender ungläubig, dass die ganzen Frauen in der traditionellen Kleidung (Cholitas genannt) doch nur wegen der Touristen in dieser Kluft rumrennen. Meist tragen sie einen Rock, mit diversen Unterröcken, eine Art Strickbluse unter welcher auch verschiedene Schichten von Oberbekleidung sind plus auf dem Kopf der Stilprägende Melonenhut und die langen, zu zwei Zöpfen gebundenen Haare.
Zugegeben, der Wechsel von Chile nach Bolivien kommend ist schon sehr stark.  Bolivien hat einen 60% Anteil an indigener Bevölkerung, in Chile sind es nur rund 4,6% und diese leben recht zentralisiert in einer Gegend.Die Cholitas tragen ihre Kleidung also bei weitem nicht wegen den Turisten, dies konnten wir erst in Peru erleben.
Mit der Wahl von Evo Morales als ersten Präsidenten indigener Abstammung werden zunehmend die Rechte der indigenen Gruppen gestärkt. Sodass mittlerweile z.B. in öffentlichen Einrichtungen Ansprechpartner vorhanden sein müssen, welche Quechua oder Aymara sprechen können. Dem zum trotze werden diese Sprachen jedoch selten unterrichtet. Die Politik scheint insgesamt eher sozialistisch orientiert, man kann z.B. immer wieder von Enteignungen privater, ausländischer Firmen lesen. Unterwegs erlebten wir immer wieder Demonstrationen, die Zeitweise zeitgleich zu anderen Themen, an anderen Orten, in derselben Stadt stattfanden. Inwiefern eine starke Demonstrationskultur nun tatsächlich auch Änderung provoziert oder eher als Volkssport gesehen kann, weiss ich nicht. Einen Wirksamkeitsnachweis legt jedenfalls der Wasserkrieg vor, welcher 2000 in Cochabamba stattfand. Eine Protestbewegung, die sich gegen die Wasserprivatisierung und somit drastische Preiserhöhung für die Bevölkerung richtete *1, *2
*1 http://www.quetzal-leipzig.de/lateinamerika/bolivien/die-wasserkonflikte-von-cochabamba-und-el-alto-19093.html
*2 Film, der u.a. Wasserkrieg thematisiert

In der Zeit, in der Judith in Sorata gearbeitet hat, hatten wir natürlich eine unerschöpfliche, aber auch subjektive Wissensquelle in Form von Judiths „Chefin“, die schon einige Zeit dort lebte. Interessant war es daher zu sehen und auch zu erfahren, wie Entwicklungsprozesse in einer ehemals eher dörflichen Gesellschaft von statten gehen. Die Gegend um Sorata ist recht dicht bevölkert, aber noch lange nicht alle haben einen Strom- oder Wasseranschluss. Daher wirkt es vielleicht komisch warum Wochenends Frauen mit Autobatterien ins Dorf laufen um sie aufzuladen. Denn dies geschieht nicht um Lebensmittel mit einem Kühlschrank kalt zu halten, sondern… um den Fernseher zu betreiben. Während wir eher Ruhe suchen und denken sie in einem Ort wie Sorata zu finden, scheint es, dass die Menschen, die so lange keinen Zugang zu Elektrizität hatten, nun ganz ohne Lärm sich garnicht wohl fühlen können.
Auch der Umgang mit Müll ist absolut bedenkenlos – aber woher soll er auch kommen, wenn man keine Ahnung hat, das Plastik ein bisschen länger braucht, um sich zu zersetzen.
Wir sind also in Bolivien, wo Moderne und Tradition, wenn man es so nennen mag, aufeinanderprallen. Von Rechts wegen können nun, zuvor diskriminierte, Cholitas auch in öffentlichen Einrichtungen arbeiten, sind aber eher als Verkäuferinnen ihrer Obst und Gemüsestände zu finden, die Märkte ohnehin haben noch einen sehr dominierenderen Charakter und sind weitaus günstiger als die seltenen Supermärkte, Kinder und Jugendliche sitzen in Internetcafé’s und spielen Onlineballerspiele, Modern Talking und die Scorpions dröhnen in Konkurenz mit Reggaeton an einer Straße um die Wette, reine Tauschmärkte an denen Bauern vom Altiplano und den Yungas ihre Gütern tauschen, es ist eine schier unendliche Kette an Eindrücken, die uns in Bolivien überrollt hat. Obwohl wir eindeutig Fremdkörper waren, haben wir uns nicht so gefühlt, wir wurden eher ignoriert, aber meist waren die Menschen dennoch höflich und nett. In Geschäften oder Restaurants gab es auch nicht selten die Situation, dass man garnicht bedient wurde, wenn man sich nicht selbst die Karte nahm, und dann um Bestellung und Rechnung bat. Der Service war dann eher als unmotiviert zu bezeichnen, da wir die Menschen von wichtigeren Dingen abgehalten haben, wie z.B. die Lieblingstelenovela schauen. Insgesamt also eine unglaublich sympathische Einstellung zur Arbeit 🙂

Es erschien uns, dass Bolivien oft eher beläufig als Reiseziel behandelt wird, also nur die Highlights besucht werden oder z.B. mit dem primären Interesse, dass es das günstigste Reiseland Südamerikas ist und das trägt diesem faszinierendem Land nicht wirklich genug Rechnung. Mittlerweile nerven mich sowieso die Gespräche, die sich, wenn es um ein Land geht, darum drehen, wie billig oder eben nicht billig es ist. Verpassen wir irgendwie die kulturellen Aspekte oder blenden sie vielleicht aus, weil wir doch nichts mit ihnen anfangen wollen können?!

Es ist einfach unglaublich wie unterschiedlich  sich die Landschaft mit jedem Höhenmeter ändert und das scheinbar überall, so abgelegen es sein mag, immer Menschen irgendwo, irgendwie mit und von der Natur leben. Wir sind jedenfalls traurig, dass wir schon nicht mehr da sind. Das mag vielleicht auch am Reisestil hängen, anders als in Chile, haben wir viel öfter große Distanzen auf einen Schlag überwunden und sind in Chile viel mehr von Stadt zu Stadt gefahren. In Bolivien schien dies auf einmal etwas komplizierter zu werden, bzw. die „touristisch interessanten“ Orte, weiter auseinander zuliegen. So bleibt das Gefühl, vielleicht doch noch garnicht genug von Land und Leuten gesehen zu haben.

Aufenthalt in Bolivien: 57 Tage

Übernachtungen:
Nächte in Hostels: 40
billigste: 25bs (2,6€) teuerste: 70bs (7,4€)
Zeltnächte: 14
teuerster Zeltplatz : 20bs (2,1€)

Bussachen:
Busnächte: 3
längste Fahrt: 15h Santa Cruz – La Paz
Busfilme: Rocky 2-4
billigste Fahrt: 2,1€ – 8h

Konsum & anderes:
Umweltsünden: Flug hin/zurück Rurrenabaque
gelesene Bücher: 15
teuere Touren: 240€ p.P / Regenwaldtour; ca. 100€ p.P / Salzwüstentour
schönstes Hostal: Las Piedras, Sorata
verlorene Gegenstände: Unterhose, Pullover, Regenjacke
zerstörte Gegenstände: 2 Unterhosen, 1 Schuhsohle
gekauft: Regenjacke, Mütze, 2 paar Schuhe f. Judith

besuchte Orte mit Verweis zu Blogbeiträgen:

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