Angekommen im Paradies

Eigentlich war alles anders geplant. Ständige Schwüle und Hitze, ob Tag ob Nacht, hätten Judith kurz nach der Pampastour beinahe wieder ins Flugzeug ins kühle La Paz getrieben. Ich wollte hingegen eine Dschungeltour machen. Mehrere Tage durchs Dickicht wandern und im Wald schlafen, das war die Idee. Auf der Suche nach einer Touragentur hierfür, haben wir uns dann bei einer Agentur festgequatscht und haben kurz darauf alles umgeschmissen.

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Die Agentur „Berraco del Madidi“, also das heimische Wildschwein des Madidi Nationalparks, der seit 1995 existiert, verfügt über nur zwei Guides, Pedro und Leopoldo. Zwei Brüder, die direkt in der Gründung des Nationalparks involviert waren und aus der Comunidad San Jose de Uchupiamonas, tief im Madidi Park, stammen. Zuerst ist uns das Angebot viel zu teuer, 60€/Tag, doch wir reden, wie schon zur Pampastour geschrieben, über all den negativen Einfluss des Massentourismus in der Gegend und die verantwortungslose Praxis anderer Touranbieter. Wir schauen uns Fotos von der schönen Anlage an und sehen Fotos von Tieren, denn anders, als behauptet, sieht man welche im Regenwald… Uns wird immer klarer, dass wenn wir mit gutem Gewissen und guten Erfahrungen eine Tour machen wollen, hierfür auch tiefer in die Tasche greifen müssen. Zwar gibt es strikte Regeln für eine Agentur um eine Lodge im Nationalpark zu unterhalten, doch gibt es auch hier starke Preisschwankungen und das niedrigste Angebot fängt wie in der Pampas bei 6 0€/3 Tage an. Wir sind nun so überzeugt, dass wir vier Tage bleiben.

Einen Tag später steigen wir dann morgens in einen Kahn und machen uns auf die gut sechs stündige Fahrt Flussaufwärts, zuerst auf dem Rio Beni (einem Zustrom des Amazonas), später auf dem Rio Tuichi zur Lodge, die von allen am tiefsten im Gebiet des Madidi Nationalparks liegt. Zuerst ist es etwas seltsam, denn wir stellen etwas überrascht fest, dass der ganze Aufwand nur für uns gemacht wird. Bootsfahrer, Koch und Guide sind nur für uns da, da niemand sonst ein Tour buchte – insgesamt hat die Lodge aber auch nur Kapazitäten für acht Personen und normalerweise sind nur zwei bis vier Personen gleichzeitig da.
Ich fühle mich wie ein reicher Europäer, ein etwas ungewohntes, beschämendes Gefühl… aber wer Umweltverträglich reisen will, muss den Luxus halt in Kauf nehmen 🙂
Schon alleine die Fahrt ist beeindruckend, es geht Flussaufwärts und so kreuzen wir immer die starke Strömung des Rio Beni, müssen um jede Menge Treibholz manövrieren und eine Wasserschweinfamilie, die gerade den Fluss kreuzt. An Bord sind drei weitere Personen, die alle einfach so irgendwo im scheinbaren Nichts aussteigen. Es ist erstaunlich, dass egal wie abgelegen ein Ort scheint, irgendwo leben immer Menschen.

Wir legen an der Registraturstelle für den Nationalpark an und zahlen eine Gebühr, die geringer, als die für die Pampastour ist und eindeutig erhöht werden sollte! Wir sehen ein dreidimensionales Modell, das sehr anschaulich zeigt, wie riesig das geschützte Gebiet ist und sich von der schneebedeckten Cordillera bis an die Grenzen zur Pampas zieht. Nicht viele Parkranger (nur 31) sind für den Schutz des Parks eingestellt und es ist fraglich wie stark sie kontrollieren können, dass in dem Gebiet z.B. nicht unbefugt Billigtouren operieren oder wertvolle Rohstoffe abgeholzt werden *.

Angekommen an der Lodge kommen wir nicht mehr aus dem Staunen.P1260083P1250712

Unser Aufenthaltsraum ist der Dschungel, wir schlafen in einem superbequemen Zelt auf fetten Federkernmatrazen, die Duschen, einfach alles ist mit möglichst geringem Einfluss und so offen wie es geht konstruiert. Geckos laufen herum, im kleinen Garten wachsen Maracujas, Chillis und demnächst wohl noch mehr und von überall hört man die verschiedensten Vögel, bei denen ein Ornithologe wohl glatt vor Freude aus der Hose springen würde.

P1260528Die nächsten Tage verbringen wir mit Streifzügen durch den Dschungel, kommen zu den Mahlzeiten wieder und gehen dann wieder los. Die Tage sind einfach zu kurz, es ist so schön im Wald zu sein, aber auch schön sich einfach in der Hängematte auszuruhen. Unser Guide, Leo, ist eine sehr faszinierende Persönlichkeit. Kurz nach der Ankunft gehen wir auf einen kurzen ersten Streifzug und passieren eine Stelle mit aufgewühltem Matsch. Spuren. Jaguar-Spuren und er sagt sogar, dass sie sehr frisch sind, vielleicht eine halbe Stunde. Statt einem Jaguar begegnen wir dann aber seiner Beute, einer Wildschweinbande. Wir stehen am Pfadrand und hören ein immer näher kommendes grunzen und klacken, bis dann vielleicht 3m vor uns eine Wildschweinmutti mit Kind hinter sich, steht. Nach kurzer Situationsüberprüfung entscheidet sie sich für Flucht und rast mit Getöse durch den Wald.

Der Grund warum die Wildschweine überhaupt so nah kamen, ist vielleicht, dass Leo ausnahmslos alle Tiergeräusche nachmachen kann. Meistens sind es jene, die Tiere machen wenn sie sich z.B. verloren oder Essen gefunden haben. Ob Wildschweinklacken, Spinnenaffenschreie oder Papageienrufe. Einfach alles und das krasse ist, dass die Tiere tatsächlich reagieren. Aus Nah oder Fern kommen die Antworten.

Dieses Wissen ist vielleicht ein aussterbendes, denn unser Guide kommt aus einer kleinen Comunidad (ca. 300 Einwohner **), 3,5h weiter Flussaufwärts, die auch mit den Problemen der Moderne zu kämpfen hat. Der Urwald versorgt sie mit praktisch allen Heilmitteln die sie benötigen: Magen-Darm, Krebs, Atemwegsinfektionen, Arthrithis..für denkbar alles gibt es eine Liane, eine Frucht, den Saft eines Baumes, den sie nutzen können. Wenn die ärztliche Diagnose gestellt ist, so können sie sich auf natürliche Weise behandeln – viele bevorzugen jedoch zunehmend die pharmazeutische Keule, sodass dieses Wissen um die Heilkraft verloren zu gehen droht. Auch die ihnen eigene Sprache, Tacana, droht auszusterben – da es den Jugendlichen peinlich ist sie zu sprechen und sie lieber Spanisch sprechen wollen und generell ein „moderneres“ Leben in einer größeren Stadt führen wollen. Bräuche und Riten, eine ganz eigene Kultur droht so einfach zu verschwinden. Etwas, das unserem Guide zu bewahren, sichtlich sehr am Herzen liegt, wenn er davon erzählt.

Jeder Tag bietet eine neue Überraschung. Unsere Sinne sind durch die gleichzeitige Reizarmut und den allgegenwärtigen Reizfluss aus Geräuschen, Gerüchen und der unglaublichen Szenerie zunehmend geschärft . Eigentlich haben wir uns strammes Wandern im Wald vorgestellt, doch stattdessen gehen oder eher schleichen, hören, suchen Vögel und Affen in den Baumwimpfeln, folgen immer wieder Wildschweinspuren und lernen mehr und mehr über diesen ewigen Kreislauf in dem sich der Wald befindet. Wir verlassen die breiteren Pfade, gehen durchs Dickicht und landen irgendwann, irgendwo wieder auf einem Pfad – den Versuch, mich zu orientieren habe ich bereits am ersten Tag aufgegeben. Alles befindet sich in einem Prozess, unglaublich viele Früchte, Blätter, ganze Bäume fallen herunter, werden gefressen oder liegengelassen und verrotten inmitten vieler anderer Dinge, die dann an manchen Stellen schon wieder Erde geworden sind. So viele Früchte haben Ähnlichkeit zu Mangos oder Papayas, sind aber viel weniger ergiebiger. Manche Früchte haben nur eine dünne Schale, die essbar ist. Es gibt einen Baum: Ajo-Ajo, dessen Rinde wie Knoblauch riecht, wie Knoblauch schmeckt und letztlich, Knoblauch ist. Es gibt Bäume, deren Saft ist so giftitg, er lässt sich z.B. zum Fischen einsetzen: innerhalb von 10min sind alle Fische im Umkreis gestorben. Für Menschen gilt dasselbe. Es gibt Parasitenlianen (oder Bäume) die sich an einem Baum hochschlängeln, ihn irgendwie erdrücken und somit über Jahre dem sicheren Tod bescheren. Dann gibt es auch Bäume, die sind einfach nur unglaublich, unglaublich riesig.An Mahagonibäumen kommen wir auch vorbei.

In einem anderen Baum sitzen Ameisen und beschützen dortige Vogelnester. Die Ameisen sind extrem aggro und als wir nur neben dem Baum standen hatten wir mindestens fünf auf uns herumkrabbeln. Die Schmerzen von drei Stichen sind zwar aushaltbar aber definitiv unangenehmer als der Stich der gemeinen deutschen Wald-und-Wiesen Ameise. Dieser Baum wird interessanterweise als soziales Saktionsmittel genutzt, wenn ein Gemeindemitglied seine/n PartnerIn betrügt – insbesondere bei Fällen, wo schon Kinder im Spiel sind… Er/Sie stellt sich dann an den Baum und muss so lange die Stiche der Ameisen aushalten, bis sein/e PartnerIn ihm/ihr verzeiht.
Allgemein besteht in der Comunidad ein Ältestenrat, der im sozialen Leben der Gemeinschaft eine Art Weisungs und Sanktionsbefugnis hat. Wenn Leo uns von all diesen Dingen erzählt, klingt es alles so stimmig, so schön, sein Bezug und seine Hingabe für den Regenwald und das Leben mit diesem, ist in jedem Moment zu spüren und nimmt uns wirklich mit.

P1260421An unserem letzten Tag stehen wir um vier Uhr Morgens auf, um auf einer Plattform, Tapire, Wildschweine oder sonstige Tiere zu sehen. Leider kommt kein Tier vorbei, ausser nervige Moskitos, mit denen wir uns einen stillen, erbitterten Kampf in der Dämmerung liefern. Die Sinne auf das Hören geschärft, merken wir den Sonnenaufgang nicht nur an der Helligkeit sondern an dem sich zunehmend regendem Stimmengewirr der vielen Vögel. Unsere Ausdauer bleP1260443ibt aber nicht unbelohnt, als wir beim weiteren Wandern mehrere Papageien sehen und dann plötzlich ein tiefes Grunzen/Grollen aus der Ferne vernehmen, ihm folgen und eine ganze Affenbande, weit weit oberhalb von uns in den Baumwimpfeln erblicken.

Das Gefühl, Tiere tatsächlich in ihrem natürlichen Habitat zu erleben ist, einfach unglaublich und viel realer, als Tiere im Zoo zu sehen – es fühlt sich besser und richtiger an. Leo erzählte uns, dass er mit seinen Kindern in La Paz einmal einen Zoo besuchte, um ihnen in kürzerer Zeit Tiere des Dschungels zu zeigen. Das ganze ging nach hinten los, da die Kinder es super traurig fanden, wie die Tiere dort leben mussten – sie haben in ihrem Leben ja auch als erstes Tiere in der Wildbahn gesehen und nicht eingesperrt.

Als der Tag des Abschieds kam, fällt es uns sichtlich schwer. Die Ruhe, diese natürliche Schönheit, diesen Schatz der Erde gesehen zu haben, war ein großes, wenn nicht das größte Highlight dieser Reise. Regenwald war für mich bislang etwas total abstraktes: Saufen für den Regenwald, Dschungelbuch, Dschungelcamp…es gibt ausreichend mediale Verzerrungen und jetzt sind wir hier und es ist unvorstellbar wieviel Regenwald es auf der Welt gibt und wieviel tagtäglich zerstört wird.
Es ist erstmal alles so klar: wie kann man verantworten, dass diese Biodiversität, diese Ursprünglichkeit, dieser Rest Natur, der noch nicht von uns für unsere Zwecke unterworfen wurde, Stück für Stück immer weiter zerstört wird?! Wie soll aber ein so armes Land wie Bolivien effektiv seine Nationalparks schützen, wie soll man Kleinbauern erklären, dass sie jetzt doch bitte nicht Raubbau am Wald begehen sollten, wenn man ihnen kein alternatives Einkommen bietet, nur weil wir garnicht mehr so unberührte Natur haben und meinen, das wäre für das Weltklima doch so nötig.

Wenn Reisen irgendwie Sinn macht, dann vielleicht um sich noch mehr damit zu konfrontieren, dass es doch eine allem über geordnete Sinnlosigkeit gibt, da sowieso scheinbar nur alles schlechter wird. Formiert sich erst aus „entwickelteren“ (ergo: durchtechnologisierte und medial verblödete) Gesellschaften der Wunsch und die Bestrebungen nach Erhalt, Wiederaufbau und genereller Wertschätzung unserer Erde? Bis alle Gesellschaften an dem Punkt sind, ist es vermutlich zu spät.

Überwiegend ist dennoch ein positives Gefühl, die Schönheit, der Sinn und die Notwendigkeit des Regenwaldes und damit auch die Wichtigkeit, dass sich Menschen annehmen, diese zu bewahren.

* http://bolivianthoughts.com/2012/01/09/bolivian-park-range-a-passion-not-a-job/
** http://www.berracodelmadidi.com/community.html
P1260573

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