Rurrenabaque & Pampas Tour

Bolivien hat nicht nur jede Menge Altiplano zu bieten, sondern liegt auch im Amazonasbecken. Da Bolivien mit Abstand das wohl günstigste Reiseland auf unserer Reise ist, wollen wir hierhin und etwas Dschungelluft schnuppern ..Viele Touren in dieses so faszinierende Gebiet, den Regenwald, gehen von Rurrenabaque aus.

Das Problem ist jedoch, eine Fahrt mit dem Bus dauert gut 20h und das heisst noch lange nicht, dass es nur so lange dauert. Es kursieren Stories von Leuten, für die die Fahrt 32h, 40h oder 52h gedauert hat. Mit mehrfachen Fahrzeugwechseln und Passagieren, die sich entscheiden ihre Notdurf im Bus zu verrichten, anstatt um eine Pause zu beten. Mit so krassen “Schlaglöchern”, dass man fürchtet der Bus würde zur Seite kippen, was immer noch weniger schlimm wäre, als wenn er den manchmal nur 15cm entfernten Abgrund runterdüsen würde. Es kursieren Geschichten von über 2.000 Toten per Jahr und immer wieder hat jemand jemandem erzählt, der jemanden kennt, das letzte Woche ein Bus über die Klippe gegangen ist. Wie weit nun auch die Geschichten stimmen, wir entscheiden uns dafür das ganze auf fünfzig Minuten herunterzubrechen. Und es hat sich gelohnt: Wir fliegen knapp über, wenn nicht auf gleicher Höhe mit den Bergriesen irgendeiner Cordillera., also Bergkette. Lange Zeit, von fünfzig Minuten, geht es dann durch Nebel, der sich irgendwann lichtet und wir auf eine endloses Meer von Bäumen und grossen, sich dahinwindenden Flüssen blicken können. Aus unserem Flugzeug geduckt herausgequetscht, eine 20-Passagier-Zigarillo werden wir erschlagen von 30° und ca. 90% (+- 5%) Luftfeuchte – die Luft ist soo dick, man denkt, man müsste sich den Weg mit den Armen freischaufeln.

Bilder von Rurrenabaque

Bilder zur Pampas-Tour

Der Flughafen könnte auch als Bikerkneipe durchgehen – hier fahren keine Autotaxis mehr sondern Motorradtaxis. Sowieso merkt man hier mal wieder, wie viel die Wärme an Mentalität und Wohlbefinden ändern kann. In La Paz ist es zwar nicht super kalt, aber gemütlich kann man es auch nicht nennen. Hier ist so richtig Sommer und natürlich wimmelt es nur von Touristen und nach Touristenbedarf geschneiderten Angeboten. Dennoch, wenn man für einen Bananenshake keinen Euro sondern nur 20cent zahlen will, kann man einfach zur zentralen Markthalle gehen, wo es vom Stück Käse bis zur Riesenpapaya über Schweinshaxe alles gibt. Es ist eigentlich unglaublich wie günstig es hier alles an Obst und Gemüse in Hülle und Fülle gibt.

Zwei Dinge machen ein Grossteil der Touristen hier: eine Pampas- und/oder eine Dschungeltour. Erstere sind in der Pampas, das heisst absolutem Flachland, in dem es ziemlich, ziemlich nass ist und viele Tiere gibt. Letztere ist natürlich volle Kanne im Regenwald und wir hörten bisher, dass es dort keine Tiere zu sehen gäbe und wir daher zuerst eine Pampastour machen wollten. Andere, weniger populäre Sachen sind z.B. eine Ayuhuasca Zeremonie. Also Drogen nehmen mit spirituell-ethnologischer Unterfütterung.

Weil wir gerne ein paar Tiere in der Wildbahn sehen wollen, suchen wir erstmal eine Agentur für eine Pampas Tour und die Frage ist, woran machen wir fest, welche wir nehmen wollen. Wir fangen mit der ersten Agentur an, die circa 220 Dollar für den ganzen Spass will – wir hörten schon, dass ein Grossteil der Agenturen  die Tour für rund 60€ anbietet. Schwankungen im Niveau nehmen wir dafür natürlich gern in Kauf – wir wussten es ja nicht besser. Die einzige Möglichkeit eines Kriteriums, um eine Agentur auszusuchen, ist diejenige zu meiden, die irgendwelche Sachen in Hebräisch bewirbt. Ernsthaft, wer will alleine, als Nicht-Israeli mit 8 21jährigen Israelis in einem Boot sitzen? Besonders wenn sogar die Guides schon Hebräisch sprechen. Wir landen also bei einer Touragentur,Fluvial Tours, buchen diese und verbringen noch einen Tag schwitzend in Rurrenabaque.

Das erste Hostel in dem wir landen, ist auch das vom berühmt berüchtigten Lonelyplanet empfohlenste der Stadt, aber abgesehen davon, dass alles sauber ist, ist es doch ziemlich nervig. Ob Morgens, ob Abends man steht dauernd in einer Wolke von Marijuana und muss sich Halbtagsphilosophengespräche über Weltverbesserei reinziehen – noch dazu läuft nur stressige Elektronikmusik und dazu nach guter bolivianischer Sitte aus drei Lautsprechern, an drei Orten verteilt und natürlich mit drei unterschiedlichen „Musiken“. Es ist immer wieder erstaunlich, wie sich in gewissen Hostels, Menschen eines gewissen Schlags treffen.

Wir wechseln dann vom Regen in die Traufe und landen in einem Hostel, mit circa 50 Zimmern, das zu gut 80% von Israelis bevölkert und natürlich auch gut in Stimmung gehalten wird. Da es aber so günstig ist, halten wir es wieder einmal für insgesamt vier Tage aus und erleben, wie sich zwar stets die Belegung, aber nie das Verhalten ändert.

Zur Pampas Tour
Morgens früh sammeln sich Unmengen an Touristen in der Tourbürostrasse und warten auf ihren Jeep. 3h lang geht es auf einer dünnen Sitzbank in einem Jeep, der nur mit Anschieben ansprang, über eine Strasse, die bei uns gut als Holzfeldweg im Wald durchgehen könnte. Wir lernen dabei unsere Gruppe kennen, die garnicht mal so langweilig ist. Ein Mitreisender ist kurdisch-türkischer Journalist, der unglaublich gerne über die Türkei schimpft. Er verwies spitz darauf, dass in Berlin die Integration der Türken sehr erfolgreich daran festzumachen sei, dass alle Deutschen Döner essen und Cay trinken. In seiner Gesellschaft ist sein Lebenspartner aus Barcelona, ein Pärchen aus El Salvador und drei Kanadierinnen aus dem frankophonen Teil, die gerade in La Paz in kanadischen Freiwilligenprojekten arbeiten. Wir sind also mal wieder umgeben von Spanisch-Profis.

Nach 3h Stotterpiste landen wir dann am „Hafen“ und steigen zu neunt in einen kleinen Kahn mit unserem Guide für diese Tour. Der Rest vom Lied ist eigentlich schnell gesungen. Wir sind immer wieder über den Rio Yacuma gefahren und haben uns diverse Tiere angesehen, von denen es hier noch viele gibt. Kappuzineräffchen, Kaimane, Schildkröten, ein Wasserschwein, andere Äffchen und jede Menge Vögel. Zum Schluss ging es am dritten Tag mit Delfinen schwimmen, wobei sie immer stets nah waren, aber niemand jetzt auf so einem Viech reiten konnte – oder wollte. Unsere Unterkunft sah ein bisschen nach Peter Pan’s Nimmerland aus, da sie auf Stelzen errichtet war und immer kleine Holzverschläge als Unterkünfte dienten. Sogar ein Krokodil, bzw. Kaiman war sozusagen am Hofe ansässig, da er immer wieder gefüttert wurde. Man nennt ihn liebevoll Pepe. Ein kleinerer Nachbar, genannt Pedro hält sich immer etwas weiter abseits, wird aber auch gefüttert. Was man nicht tut, für die Touristen.

Interessant ist eigentlich, sich vor Augen zu führen was dieser Budgetterrorismus mal wieder alles verursacht und wie wenig sich scheinbar jemand darüber Gedanken macht.

Die Frage ist ja schon, wie kann es sein, dass Touragentouren die Tour für 200$ verkaufen und andere für 60€. Es muss also an allen Ecken und Enden gespart werden, wie vielleicht der Ausbildung der Guides und es werden bei den billigeren wesentlich mehr Touris zusammengequetscht.

Tausende von Menschen machen jedes Jahr diese Pampas Tour und alle wollen sie Tiere sehen und manche begnügen sich nicht damit Tiere “nur” zu sehen, sie wollen auch das obligatorische Poser-Foto mit einer Schlange oder anderem gefährlichen Tier. Was wir also beobachten konnten, war, wie zwei Israelis eine Boa zum Posen hochhoben – nachdem sie, sie erstmal unter einem Generator herausgezerrt haben – auf Anregung eines Guides. Unser Guide erwähnte zwar das Sonnencreme und Insektenspray tödlich für Schlangen seien, war aber in diesem Moment nicht zur Stelle und dieser andere Guide ermutigte sogar die coolen Jungs die Schlange zu nehmen und damit zu posieren. Im Nachhinein schäme ich mich, dass ich nicht eingeschritten bin. Es fehlt scheinbar vielerorts das Bewusstsein und das Durchsetzungsvermögen, dass dies kein Streichelzoo oder Ort für peinliches Posiere ist. Am letzten Tag fährt dann ein Boot nahe an unsere “Lodge”, wo sich zwei Kaimane aufhalten, eine Gruppe will dann unbedingt dem kleineren Kaiman, Pedro, näher kommen und macht kleine Mutproben, also möglichst nahe kommen und der Guide trietzt den Kaiman irgendwie so, dass er, schön bedrohlich, sein Maul weit aufreisst – haben jetzt alle ein schönes Foto und ’ne tolle Story daheim zu erzählen

Sofern unsere Guides von der späteren Jungeltour dann Recht haben, wurden uns viele Tiere völlig falsch erklärt. Der grössere Kaiman wurde als Krokodil bezeichnet, der kleinere als Alligator und die Boa als Pyton.

Vor zehn Jahren soll es hier noch wirklich viele Tiere gegeben haben, doch scheint der Einfluss der Touristen, der zum Rückzug der Tierwelt führt, niemandem Bedenken zu geben. Es ist schlimm, wenn man bedenkt, dass hier einfach aufgrund der viel schlechteren ökonomischeren Situation viel wichtigere übergeordnete Ziele mit den Füssen getrampelt werden – weil für Tier- und Naturschutz gibts halt kein Geld. Es kann also sein, dass die Boa, die fürs Foto hergehalten hat innerhalb von einem Monat an den Sonnenschutz/Insektenspraygiften stirbt.

Auch ging es für uns auf einen Streifzug durch angebliches Anacondagebiet. Früher soll es hier auch tatsächlich viele gegeben haben, jetzt sind sie entweder geflüchtet oder gestorben, weil sie für ein Poser-Foto herhalten mussten, dass nur mit wirklich primitivsten Beweggründen begründet werden kann. Es scheint, dass man die Natur wirklich vor der Dummheit der Menschen schützen muss..

Trotz der vielfältigen Tiersichtungen und zugegeben auch dem eindrücklichen Anbick der Kaimane, herrscht eigentlich das enttäuschende und beschämende Gefühl vor, dass man eigentlich garnicht hier sein sollte. Das hier viel mehr Standards bitter nötig sind und das anderen Reisenden irgendwie klar gemacht werden muss, dass man für eine Tour auch einfach mal mehr zahlen muss um das was man sieht, auch für kommende Generationen zu erhalten.
Letztlich ist das nur eine Prioritätensetzung, ob man jetzt jeden Tag kifft, teuren Wodka und Süssigkeiten kauft oder ab und zu darauf verzichtet jeden Abend Party zu machen und einfach mal Geld drauflegt und eine Tour macht, die mit fachkundigen Guides ausgestattet ist und um einen möglichst geringen Einfluss auf die Natur bemüht ist.

Ich glaube all das, ist bei den Billig-60€-Touren nicht zu finden und auch für uns wurde dies erst so richtig klar, als wir in dem Tourbüro unserer Regenwaldtour saßen und von dem Guide all die Sachen über die drastische Entwicklung in den letzten Jahren hörten. Vorher waren wir eigentlich recht unwissend, abgesehen von dem offensichtlich schlechten Verhalten mit der Schlange und dem Kaiman. Alles in allem bleibt diese Tour, trotz dieser schönen Tiersichtungen und entspannten Zeit im Motorkahn, mit etwas fadem Beigeschmack.

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