Schritt fuer Schritt ins (Auswanderer)Paradies?

Die folgenden zwei Beitraege, aus dramatischen Gruenden besser Lieder genannt, handeln von der Suche nach der Antwort auf die Frage des Lebens und dem ganzen Rest, der Reise die man dafuer unternimmt und warum manche Menschen auf diesem Wege im bolivianischen Tiefland zu landen scheinen. Um den bestmoeglichen Effekt zu erzielen, zuendet Kerzen an, packt die Raeucherstaebchen aus, legt eure Lieblings Doors- oder Pink Floyd Platte auf, Bob Marley tuts auch – setzt eine schoene Tee-Mischung auf und lasst die Zeilen um euch fliessen.

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Waehrend Douglas Adams in seiner Quintologie (oder wie nennt man Fuenfteiler in fachmaennisch?)  „Per Anhalter durch die Galaxis“ schon klaerte, was die Antwort auf die Frage des Lebens und dem ganzen Rest ist, naemlich 42 – warf er auch auf, dass diese Frage etwas unspezifisch ist. Ein Ansatz lautet daher:  How many Roads must a Man walk down.
siehe hierzu: http://www.anhalter-lexikon.de/lexikon/special/42/ http://www.urbandictionary.com/define.php?term=42
http://en.wikipedia.org/wiki/Phrases_from_The_Hitchhiker%9
http://wiki.answers.com/Q/How_many_roads_must_a_man_walk_down

Warum man also nach 42 Strassen in den bolivianischen Subtropen landet, versucht folgende Abhandlung zu beantworten! *1

De Zugezogenen von Samaipata

Von vielen Dingen die man so beim Reisen sieht, sind mir in Samaipata zwei Dinge stark gehaeuft aufgefallen. Expats und alternative Reisende.
Expats, also Auswanderer sind quasi ueberall dort wo es Welt und Orte zum Besiedeln gibt. In Samaipata haben allein 80 Leute in einem Jahr Grundstuecke gekauft. Die Haelfte der Touragenturen sind in fremder Hand und Abends ausgehen kann man auch am besten in einer der Bars die Auslaendern gehoert. Anders gesagt: eine Reisende kommentierte die hier stehenden Haeuser mit „das sind alles so schoene Haeuser hier, ganz anders als sonst in Bolivien“. Klaro, ist ja auch alles nicht mehr so richtig Bolivien.

Ich habe mich gefragt, wie das so ist, wenn man sich entscheidet, sich in solch einem Ort niederzulassen und dann gibt es da diese kleine Community von Expats und die etwas groessere Community, aber im Tourismuswesen wesentlich an den Rand gedraengt, der Bolivianer. Die Vorteile liegen auf der Hand. Es ist hier warm das ganze Jahr ueber und es sind gerademal 2h bis nach Santa Cruz und von dort fliegen viele internationale Fluege. Aber sonst ist es doch ein sehr eingeschraenkte Auswahl an Interaktionsmoeglichkeiten – die natuerlich im Wachstum begriffen ist. Noch dazu ist es ein Einstieg in eine voellig andere Welt. Auch wenn man eher Luxusprodukte an Touristen zu verkaufen vermag, so wird einem doch, vermutlich, weniger Geld als im Herkunftsland zur Verfuegung stehen – auf der anderen Seite braucht man aber auch weitaus weniger Geld zu investieren um sich ein Luxushaeuschen bauen zu lassen oder sich sonst irgendwie am Leben zu erhalten.  Eine negative Tendenz ueberwiegt aber irgendwo, denn je mehr Auswanderer sich einsiedeln, desto weniger Tendenz koennte da sein, sich in die bestehende Gemeinschaft einzusiedeln – da gibt es dann vielleicht noch viel mehr das „wir“ und „die“. Auf der anderen Seite bieten sie Arbeitsplaetze an, koennen generell den Tourismus noch mal anders ankurbeln und so weiter. Doch das kann auch wieder einer eindeutigen Rollen- und Prestigeverteilung Vorschub leisten: Die „neuen“ haben das Kapital und die Arbeit und die „Eingesessenen“ duerfen sie annehmen und dankbar sein. All das sind natuerlich nur Mutmassungen und daher weiss ich natuerlich nicht wie’s wirklich ist!

Endlich wieder Zelten
Ich habe es mir auf einem Campingplatz bequem gemacht, doch so richtig heimig fuehle ich mich nur im Zelt. Das hat nur am Rande damit zu tun, dass es allgemein kaum Campingplaetze gibt und selbst dann, die preislichen Unterschiede zu einem Zimmer bei weitem nicht mehr so horrend sind, wie in Chile.
Die anderen Reisenden sind hier groesstenteils schon laenger und finanzieren sich ihre Reise, in dem sie z.B. musizierend durch die Cafes ziehen und teils direkt nach einer finanziellen Anerkennung fragen (auch wenn sie nicht zwingend gut sind) oder verkaufen Selbstgebackenes, Schmuck, Jonglieren an Strassenkreuzungen oder sonstwas. Von jenen, solchen Menschen habe ich schon einige in La Paz oder sonstwo gesehen, aber hier ist proportionsmaessig  der Hoehepunkt erreicht.
Erstmal bin ich ziemlich beeindruckt, gerade was das Musik machen angeht und habe so meine positiven Vorannahmen ueber diese Menschen. Denke mir z.B. dass sie einen viel kreativeren, viel innovativeren Reisestil haben – Entscheidungen koennen oder koennen eben nicht ueber den Geldbeutel getroffen werden – die Notwendigkeit langsam und unbequem zu reisen ermoeglicht dann vielleicht wieder andere Formen Land und Menschen kennen zu lernen. So viel zu den Vorannahmen jedenfalls.

Waehrend einer Busfahrt von Sorata, wo Judith den Maerz ueber arbeitete, nach La Paz, bin ich mit einer Horde Chilenen gefahren, die eigentlich in das gleiche Stereotyp passten, mit denen es aber super angenehm war. Endlich mal wieder auch Menschen, die nicht frisch geduscht sind und noch viel improvisiertere, „durchgearbeitete“ Reiseausruestung haben. Noch dazu war es moeglich die 3h Busfahrt im Minibus, dessen Komfortzone fuer Menschen um die 1.50m liegen muesste, lustig plaudernd schnell rumzubringen.
Doch irgendwie ist es dieses Mal am Zeltplatz mit am schwersten irgendwie diese, sich schon gut geformte, Gruppe zu erreichen und ausser etwas obligatorischem Smalltalk irgendwie ueber eine Grenze hinauszukommen, in der man sich nicht unwohl fuehlt und irgendwie auch unnotig. Sonst ist dies eher bei fernoestlichen oder israelichen Reisegruppen, die wie unberuehrbare Blasen, teils mit imaginaeren Stacheln, um einen herumblubbern. Mit einem Mal kam ich mir mal wieder sehr spiessig und sehr unpassend vor, aber wie dem auch sei – und das ist jetzt wirklich keine ueberraschende Lektion: Menschen einer Stereotypengruppe sind sehr unterschiedlich – man staune, was fuer kleine Lernprozesse es so gibt 🙂 Auch kamen mir die Menschen jetzt nicht so vor, dass sie eine besonders integere Form des Reisens, zumindest in Samaipata realiserten – Nachts auf der Plaza zu sitzen und zu trommeln mag auch nicht jeder Anwohner cool finden und Artesanias und Selbstgebackenes richtet sich auch eher, auch preislich, an andere Touristen.

Meine positiven Vorurteile kann ich also schnell wieder ueber den Haufen werfen, versuchen gar kein Urteil zu faellen, die Dinge zu nehmen wie sie sind und mich auf das alles draufsetzen und die Aussicht geniessen, denn diese ist in Samaipata ziemlich gut.

El Fuerte de Samaipata
20km hin und zuereck fuehren mich ueber matschige Piste, die Erde ist uebrigens unglaublich rot hier, nach El Fuerte. Eine alte spirituelle Stelle, die eigentlich Samaipata hiess und so was wie Ruhen in der Hoehe bedeutet. Kurz nach meinem stark verschwitzten Aufstieg, der mit schoenen Ausblicken auf sich das weit ausstreckende Land belohnt wurde – kommen drei Israelis in einem Taxi an. Es laesst wohl die Massen in Uneinigkeit, ob man insgesamt 5h laufen auf sich nehmen sollte oder 8 Euro fuer ein Taxi, hin und zurueck, zahlen will. In dem Fall dann ca. 2,60 pro Nase. Wie dem auch sei, dank dem unerwarteten Zuwachs leisten wir uns zusammen einen Guide und besuchen die Ruine. Es gibt somit einen kleinen Geschichtsexkurs, der mitnichten noch stark intensiviert werden koennte. Aber ich versuche mich mal in etwas Reproduktion:

Samaipata liegt in der Transitzone, zwischen eher flach bewachsenem und trockenem Gebiet und den feuchten Nebelregenwaeldern. Aus diesem Grunde soll es bedeutsam gewesen sein. Der Grund der mir nicht klar ist, koennte vielleicht in unterschiedlichen Moeglichkeiten der Landbewirtschaftung zu finden sein. Ein grosser Felsen auf der hoechsten Erhebung symbolisiert Schlange, Jaguar und Puma und dieses Dreigestirn wiederum wurde angebeten. Auf einer speziellen Vorrichtung wurden dann, damals, Jungfrauen geopfert. Dabei gab es zwei Voelker die sich immer wieder um diesen Ort gezankt haben, bis dann irgendwann die Inkas eingereist sind und sich breit gemacht haben, die dann gegen das Volk, das aus den zwei vorigen entstanden ist, gekaempft haben. Die Inkas wollten dann die Jungfrauen wohl fuer andere Zwecke nutzen und sind zu Tieropferungen uebergegangen.
Neumodischere Historiker hielten diesen Ort aber auch fuer einen denkbar guten UFO Landeplatz. Fuer die ach-so-etablierten Wissenschaftler natuerlich mal wieder ein rotes Tuch und somit nicht naeher bedacht. Aufgrund der hohen Lage und wohl auch der spirituellen Bedeutung wurde der Ort militaerisch Bedeutsam. Die Spanier, die dann im Auftrag des Herrn erschienen sind und bekanntermassen eine gewisse martialische Neigung entwickelten (vermutlich zuviel Zeit auf dem Meer, so ganz ohne Pub und Pizza), haben das ganze dann El Fuerte – also die Festung getauft.

Das Gebiet ist nur zu gut 10Prozent erforscht und man geht von ungefaehr 700 Haeusern und gut 3000 Einwohnern  aus, die alleine dort gelebt haben. Man sieht inkatypische Terrassen, Bewaesserungsleitungen und natuerlich eine Plaza. Dort haben dann, hoch oben vom Stein, die hohen Herren dem Volk gesagt wat Sache is.

Es hat sich schon gelohnt einen Guide zu nehmen und gerade meine Kameraden der frisch formierten Tourgruppe wussten immer geschickt nachzufragen – z.B. wofuer dieses Haus, der 20 anderen Haeuser die wir sehen, gut ist – sodass es eine Menge zu lernen und somit wieder in Bruchstuecken zu vergessen gab. Die Israelis nehmen ein Taxi, ich meine Schuhe und mache mich auf den Rueckweg. Auf diesem ist ein kleiner Fluss ueber sehr glatten Stein zu queren und wie es der Zufall so will, mache ich volle Kanne einen Ausrutscher und lande mit einem gekonnten Flupp auf dem Poppes. Natuerlich kommt zum gleichen Zeitpunkt auch ein Taxi an, so dass ich den Spass sogar teilen darf. Immer wieder gut, anderen eine Freude zu machen.

kleiner Exkurs im Amboro-Park
Vom Tourgeist gepackt buche ich als naechstes eine Tour in den hiesigen Nebelregenwald im Amboro Nationalpark. Eigentlich hat mich weniger der Geist gepackt, denn die Erkenntnis, dass es scheinbar unmoeglich sein soll, sich hier autonom im Nationalpark zu bewegen. Es gibt keine Markierungen, keine Karte, einfach nur Pfade und diese aendern sich in der Regenzeit wohl nicht selten.
Mit zwei Gruppen machen wir uns dann daran etwas Ruhestoerung zu begehen. Eine Autoladung Israelis geht, gut hoerbar, meiner Gruppe voraus. Jene besteht aus zwei franzoesischen Paerchen, einem irischen Paerchen und mir. Ganz meiner Mission verpflichtet, frage ich, wie hoch bei ihnen Rory Gallagher im Kurs steht. Wieder werde ich auf das, wohl so im Mai, stattfindende Festival zu seiner Ehren hingewiesen.
Im Entenmarsch als 7er Gruppe geht es dann durch den recht feucht, matschigen Regenwald. Tiere sieht man nicht. Aber Riesenfarne, die schon Jahrtausende alt sein sollen. Wir kreuzen auch ein paar wirklich schoene Naturrutschen, die das Wasser in emsiger Feinarbeit hergerrichtet hat. Es ist wirklich offensichtlich, dass man ohne etwas Erfahrung hier schon leicht verloren gehen kann, obschon es eigentlich nur einen Pfad gibt. Zwar ist dieser etwas unwegsam, doch war die Tour insgesamt etwas langweilig und zaeh, da es nicht so viel zu Erzaehlen gab oder zum besten gegeben wurde – und wir gerademal 8km in ca. 4h liefen. Die Natur selbst ist natuerlich umwerfend und gerade im Wald ist es natuerlich schwer gute Bilder zu machen, die irgendwie die Tiefe in all dieser Dichte zu vermitteln vermoegen. Ueberwogen hat aber irgendwie der „Klassenfahrtsmodus“ und nicht die Naturerfahrung.

Am folgenden Tag besuche ich noch ein kleines Tier-Refugio, welches – !Ueberraschung! – von einer Zugewanderten Person, einer Schweizerin geleitet wird. Kleine Kappuzineraeffchen laufen frei auf dem Gelaende rum, Papageien, Schildkroeten und komische Vierbeiner, die ich noch nie sah. Es ist ruhig und wirkt alles super entspannt und noch dazu ist sonst kein Gast da. Ich komme in die Naehe eines Spinnenaeffchens, welches direkt an mir hochklettert und sich mit allen zur Verfuegung stehenden Extremitaeten an mich klammert. Diese stille, aber einvernehmliche Kontaktaufnahme und diese Waerme und Enge hat mich irgendwie an meine vorige Arbeit mit beeintraechtigten Menschen (politisch korrekter gehts wohl kaum) erinnert. Ich weiss auch nicht wieso und das moege jetzt bitte auch nicht falsch verstanden werden. Jedenfalls war es irgendwie ruehrend und der erste richtige Kontakt zu Affen fuer mich. Nach gut 5 minuten ging der ganzen Situation jedoch die Atmosphaere floeten, als Simon, so sein Name, dazu ueberging mein Bein zu Paarungszwecken auszutesten. Spaeter kuschelte er dann mit anderen Hunden und entlauste einen dicken Bernadiner.

Nach ein paar Tagen gefuellt mit Kuscheltourpaket und Indie-Travellern mache ich mich auf nach Bermejo, was nur 40km oestlich von Samaipata liegt und (un)genau eine Unterkunftsmoeglichkeit und den „Dschungel“ direkt vor der Nase  hat. Mehr dazu im zweiten „Liedteil“

*1 okay, okay vielleicht ein bisschen dick aufgetragen am Anfang…aber heutzutage muss man ja irgendwie die Zuschauer bei der Stange halten, gell?

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