Von Bussen und Menschen

Es ist wirklich schoen hier in Bolivien. Die Natur ist wirklich unglaublich, die Menschen sind nett und sie sprechen tatsaechlich eine verstaendliche Sprache und wir wurden noch nicht bestohlen (wobei die Wahrscheinlichkeit nicht ungering ist). Natuerlich kann man sich mit all dem noch viel intensiver beschaeftigen, doch das ist eine andere Geschichte und wird ein andermal erzaehlt :).
Weil also manche Sachen besonders schoen sind, versuche ich ihnen, angelehnt an die Nomen-Trilogie von Terry Pratchet, Enzyklopaedisch Tribut zu zollen.

Kakophonie – Die Geraeuschkulisse eines Busbahnhofes. (kleine Enzyklopaedie von Bolivien)

(Bilder folgen in ein paar Tagen)

Man stelle sich einen Busbahnhof vor, es muss noch nichtmal ein grosser sein. In Deutschland verfuegen wir aber ja eh nur ueber kleinere – noch. Man hat also sein Taefelchen irgendwo stehen und das ist es dann.. Hier, ja hier ist es richtig sinnlich:
Circa 10 bis 15 Leute laufen herum und rufen in unterschiedlicher Tonhoehe, alternierender Betonung, sowie Aufsplittung des Wortes und unterschiedlicher Lautstaerke und natuerlich versetztem Timing, die Fahrtziele aus:

LaPaLaPaLaPaaaaaz, Oruoruoruoruro, Santa Kruuuhsss  oder einfach nur Cochaaaabammbaaaaa.

Auf nach Cochabamba

Letzteres Ziel nehme ich in Angriff und zahle in La Paz rund 20 Bolivianos (zwei Euro und n paar gequetschte) fuer die 8 bis10 stuendige Busfahrt nach Cochabamba. Bevor der Bus losfaehrt, laeuft eine Telenovela, die ein paar Jugendliche offensichtlich begeistert verfolgen – denn als der Fahrer den Bus anlaesst und das vertrauenswuerdige Brummen des gut 10-20 Jahre alten Busses ertoent – schaltet sich die Sendung aus und ein Unwollen des Mobs bricht kurzfristig los, verebbt dann jedoch kurz darauf wieder. Zur Entschaedigung, nach gut 1-2h unerwarteter, herrlicher Stille, gibt es dann was auf die Ohren und die Augen. Rocky Teil 2 bis 4 und natuerlich bis zum Anschlag, so dass auch alles schoen uebersteuert. Es ist eigentlich ueberfluessig zu erwaehnen, dass die Synchronisation unglaublich schlecht war.  Beim vierten Teil meines persoenlichen Spanischkurses fuer Anfaenger – Der Handlung von Rocky ist wirklich gut zu folgen – erbat ich dann den Fahrbegleiter die Lautstaerke ein bisschen runter zu drehen und siehe da – es funktioniert. Wie Magie wurde aus einem konstant auf und abschwellenden verzerrten Tonbrei ein eher geordnetes und klarer definierbares Sammelsurium von Geraeuschen.

Probierts mal aus, Titelmeodie abspielen und den Lautstaerke regler bis zum Anschlag auf. Toll oder? 

Ueberfluessig ist es vor allem zu erwaehnen, dass Kleinkinder diesem Laerm ausgesetzt waren. Bis ich, als einziger Tourist im Bus, mal wieder den spiessigen Deutschen spielen musste. Vermutlich hoert das Kind schon so schlecht, dass es gar kein Problem mehr war.

Kakophonie, vollendete – Die Geraeuschkulisse des Busbahnhofes in Cochabamba. (Chanos kleine Enzyklopaedie von Bolivien)

Ruhe – Stromausfall (Chanos kleine Enzyklopaedie von Bolivien)

Nach drei Rocky Teilen, erholsamer Stille danach und dem niedergerungen Druck nun direkt in ein Boxstudio zu gehen, komme ich in Cochabamba an. Die letzten 20minuten steigt ein findiger Verkaeufer ein und haelt gut 15min lang einen Vortrag ueber ungesundes Essen, seine Folgen und dass sie doch in Bolivien alle Lebensmittel haben, die sie fuer ein gesundes Leben brauchen. Bananen waeren als Essen fuer Arme verschrien und dabei doch so gesund. Alles Essen ist stets irgendwie in irgendwelchen Formen verarbeitet.Ich muss mich zuerueck halten nicht „Amen, Bruder“ oder „Hoert, hoert“ zu rufen. Er zaehlt ein paar Krankheiten auf, Wuermer und Parasiten die man im Magen haben kann/soll. Doch der Haken kommt irgendwo, ploetzlich bietet er Puelverchen an. Was? Da erzaehlt er was von gesunder Ernaehrung, unverarbeiteten Lebensmitteln und jetzt gibts Pulver? Natuerlich nur das beste aus den lokalen Pflanzen, aber halt als Pulver. Komische Welt – aber vielleicht ist es doch besser, als fettiges Huehnchen und letztlich hat er zuerst eine Menge Wissenswertes erzaehlt.

Insgesamt leite ich immer etwas Wohlbefinden aus dem Umstand, dass ich in einem alten Bus und mit einem aelteren Busfahrer fahre – das sagt schliesslich etwas ueber seine Ueberlebensfaehigkeit aus. Noch dazu sind die meisten Autos mit hilfreichen Aufklebern wie „Gott leitet mich“ oder so beklebt.

Zurueck zur Stadt. Da viele Busse vor haben hier einzukehren, stehen wir gut 20min circa 300m vor dem Terminal, bevor sich alle Entschliessen die letzten Meter zu Fuss auf sich zu nehmen. Ich lande in dem wohl ueberfuelltesten und lautesten Terminal, indem ich bis jetzt war. Es war richtig krass, aber verstaendlich. Von Cochabamba kommt man halt ueberall hin. In den Westen nach La Paz, in den Osten nach Santa Cruz und in den Sueden nach, aeh Sucre und Potosi und all so Staedte. Viele Orte, viele Reisende, oder so.

Mittlerweile ist es schon Abend und ich bin etwas angespannt, da die Reisefuehrer meinen, dass es Nachts in Cochabamba gefaehrlich sein kann. Von wegen Diebstahl und so. Natuerlich besonders da, wo ich jetzt bin – am Busterminal. Mit erhoehter Muskelspannung geht es dann auf Unterkunftssuche und ich nehme das erstbeste Hostel, um von der Strasse runter zu sein. Entgegen der Furcht finde ich Cochabamba ziemlich entspannt. Am naechsten Tag entpuppt es sich als quirlige Stadt, der trotz ihrer 800 oder 900.000 Einwohner irgendwie das Grossstadtmaessige fehlt. Es ist eher wie ein entspannter Stadturlaub mit ausgepraegtem Sommerfeeling. Hier gibt es auch mal wieder eine Statue des allseits beliebt und bekannten Wanderrabinners. Diese ist sogar noch ein paar Zentimeterchen hoeher, als wie die wohl eher bekannte Statue in Rio de Janeiro. Im guten, bewaehrten bolivianischen Stil sind die Treppenstufen, die ich hochlaufe, mit Muell nur so zugepflastert – man fuehlt sich direkt heimisch.

Doch Cochabamba ist nur eine Zwischenstation, ich verlaengere hier mein Visum und dann geht es am zweiten Tag auch schon per Nachtbus nach Santa Cruz.

Mitten in der Nacht stehen wir gut eine Stunde still und man sieht rundherum nur Lkws und Autos – totale Verstopfung. Der Grund kommt irgendwann, als sich dann alles verfluessigt und wir wieder rollen, in Sichtweite – eine Polizeikontrolle wird hoechst interessant an jedem Fahrzeug durchgefuehrt. Ein Polizist steigt in den Bus, laeuft einmal den Gang lang – schaut sich die Pakete auf der Ablage an und geht wieder.

Nach dieser irgendwie durchgestandenen und irgendwie verschlafenen Nacht laufe ich durch das Terminal von Santa Cruz . Da ich mit dem Rucksack offensichtlich so aussehe,dass ich in den naechsten Bus, z.B. nach Cochabama steigen will, fragen mich viele wo ich hinwill und dies weiss ich mit absoluter Gewissheit: voy al Bano (gehe zum Klo). Zum Fruehstuck gibt es dann die veggie-Variante des gaengigen Fruehstuecks. Reis mit Salat ohne fettigem Huehnchen drauf.

Die Fahrt nach Samaipata erfolgt in einem kleinen 8-sitzer und ist zwar etwas unbequem, aber landschaftlich schoen. Doch trotz der vorigen Fahrt in der Cama-Variante haben meine Nerven einiges an Strapazierfaehigkeit eingebuesst. Circa 2,5 – 3h lang lief allerfeinste Schnulzenmusik, die irgendjemand mehr oder weniger kunstvoll am Computer zusammen gebastelt hat. Um die internationale Note war man auch sehr bemueht und so ertoente oft, als cooler Einspieler „Yeah, Henri“ oder „Yes, Sir“ – inhaltlich voellig im Einklang mit dem Liebesgeschnulzel. Zumindest die Fahrgaeste hatten gute Laune und erzaehlten sich lustig Dinge, von denen ich nichts verstand. Ich kann mich an einen weiteren Touristen kuscheln, einen Japaner, mit dem ich mich weder auf Spanisch noch auf Englisch unterhalten kann. Er haelt die Fahrt ueber immer Digitalkamera und Camcorder bereit und filmt alles, was vor die Linse kommt. Immer wieder schoen, was man so alles erleben kann 🙂

Musik – Eine Geraeuschquelle, deren Erzeugungsaparatt auf hoechster Leistungsstufe betrieben werden sollte. (Chanos kleine Enzyklopaedie von Bolivien)

Musik, gute – s. Eintrag zu Musik – meint jedoch die Erweiterung um mindestens eine, im besten Fall mehrere und grundverschiedene Schallquellen – welche sich im gleichen Ausstrahlungsberreich aufhalten und so zueinander finden. (Chanos kleine Enzyklopaedie von Bolivien)

In diesem Sinne: Henri!

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2 Antworten zu “Von Bussen und Menschen

  1. Herrlich, herrlich: Du zauberst mir gute Laune an diesem Morgen mit dem unvergleichlichen Schreibstil. Komme übrigens heute (28.3.) ebenfalls in Saimapata an. Falls du noch dort bist?? – Würde mich freuen!
    Hendrik

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