Salz, Salz, Salz – ich mag Salz

Prolog
Eine dreitägige Tour über den Salar de Uyuni gehört wohl mit zum Standartprogramm einer Bolivienreise. Der Eindruck zumindest ergibt sich, wenn man so die Reiseblogs durchforstet. Warum man welche durchforstet? Dem Internet sei dank, geht man jetzt nicht nur einfach zu einer Touragentur oder einem Hostal und bucht sich blind in sein „Abenteur“.
Nein, Nein, man kann sich vorher ausgiebig im Internet informieren, ob andere Leute mit dem Service zu frieden waren oder was sie sonst empfehlen.
Auf solchen Portalen wie z.B. Tripadvisor findet man aber eine äußerst heterogene Masse, wobei ich denke, dass die Hauptnutzerschaft aus Menschen besteht, die gewisse Hygiene- und Servicestandards gerne in Anspruch nehmen und als Vorraussetzung (fuer einen gelungenen Urlaub) betrachten  (keine Wertung) 🙂 Also insgesamt ist es eher schwierig sich da Informationen herzuleiten, die hilfreich sind.

Was das Touragenturenangebot für die Tour über den Salar betrifft, gibt es hier einiges an Berichten, die schon wissenswert sind: Betrunkene oder bekiffte Fahrer, ungewartete Fahrzeuge, Unfälle mit Todesfolgen, Abzockversuche. Das alles wollten wir nicht unbedingt erleben, doch das Problem ist, dass zwei Personen zur gleichen Agentur manches mal komplett unterschiedliche Bewertungen schreiben und es kristallisiert sich heraus… Es hängt vieles mit dem Fahrer zusammen.
Wenn man sich überlegt, dass ein Fahrer maximal drei Tage im Jahr frei hat und ein Gehalt bekommt von dem er nicht leben kann: ca. 130-140€ , dann gibt es jedenfalls genug Gründe zur Flasche zu greifen. Grob gerechnet, kommt er Dank Trinkgeldern auf vielleicht das doppelte seines Monatsgehaltes. Kalkül der Touragenturen?!
Wie aber kommt überhaupt so ein mikriges Gehalt zustande?
Jeder von uns zahlt rund 100-120€ und im Normalfall sind sechs Personen im Jeep. Im Monat macht es gut acht Touren, also erwirtschaftet allein ein Fahrer pro Monat circa 4.800€. Hinzu kommen natürlich Spritkosten, laufende- und Anschaffungskosten für die Jeeps, Verpflegung und Unterkunft. Doch selbst nach dieser Rechnung bleibt viel Geld übrig und an wen geht dies?
Dies sind natürlich nur Angaben von der Touragentur, Estrella der Sur, mit der wir gefahren sind – die wiederum insgesamt recht gute Kritiken hatte.

Ich frage mich, ob es tatsächlich auch einen Touranbieter geben sollte oder kann, der auch nachhaltig und verantwortlich mit seinen Angestellten umgeht oder ob wir hier einfach auf die bolivianische Realität prallen. Unser Fahrer sagte, wenn er bei seinem Arbeitgeber Urlaub beantragt, dann für immer. Sollte es einen verantwortlich handelnden Touranbieter geben, so mag es sich zweifelsohne lohnen, einfach etwas mehr für eine solche Tour zu bezahlen. Hier bedeutet zweifelsohne, dass die Form des low-budget-Reisen dann auch bedeutet, bestehende Ungerechtigkeiten zu weiterer Dominanz und Standfestigkeit zu verhelfen. Etwas, das man mitunter aufgrund des eigenen begrenzten Budget’s gerne ignoriert oder in Kauf nimmt.

Zur Tour
Heute betreten wir bolivianischen Boden. Insgesamt sind wir 11 Menschen, die an der bolivianischen Grenze auf zwei Jeeps verteilt werden und dann die nächsten drei Tage damit verbringen im Auto zu sitzen, auszusteigen, Fotos zu machen, weiterzufahren, Fotos zu machen, zu fahren, später dann zu Schlafen, aufzustehen und so weiter und so fort.
Ein Micro-Bus fährt uns zur Grenze, doch zuerst stellen wir uns in die lange Schlange, die auf ihren chilenischen Ausreisestempel wartet. Erwähnenswert ist hier, dass wir ein Ehepaar erblicken, die sich ganz offensichtlich ihres muslimischen Glaubens entsprechend, streng gekleidet haben. Der Mann trägt eher traditionelle Kleidung und die Frau ist in ihrer schwarzen Burka vor allen Blicken gesichert. Erwähnenswert vielleicht deswegen, weil es auf diesem Kontinent maximal einen kleinen Prozentsatz, wenn vielleicht sogar keine Muslime gibt – zumindest nicht offensichtlich. Ob die beiden also hier wohnen oder auch Touristen waren? Spannende Frage.

P1220516Das bolivianische Grenzhäuschen dann rund 30 oder 60 minuten später (wer weiss das schon so genau) steht irgendwo im Nirgendwo und wir erfahren, dass wir uns mittlerweile auf über 4.000 hm befinden. Wie wir so schnell hier hochkamen, wir wissen es nicht. Urplötzlich meint man dann natürlich die Auswirkungen zu spüren… Der Kopf fühlt sich merkwürdig an, die Lunge scheint beschwert und lässt sich angeblich nur noch mit konzentriertem und intensivem Luft holen füllen. Das beste ist vermutlich, nicht drauf achten.

Wir lernen unseren Fahrer, Edgar, und unsere weitere Reisetruppe kennen. Komplett deutschsprachig. Die andere Gruppe besteht aus zwei Iren, einem Franzosen, zwei Schweizerinnen und einem Neuseeländer.
Wir reisen also mit Edgar, Lukas, einem schweizer Medizinstudenten und David und Gabriele, einem Österreichischen Pärchen, die beruflich was mit Wirtschaft zu tun haben – oder so:)
Da wir zu fünft sind, muss es sich immer nur eine Person auf dem hinteren unbequemeren Sitz gemütlich machen und diese Last nimmt oft Judith auf sich. Da alle anderen wesentlich besser Spanisch als wir sprechen, kriegen wir viel mit.

Die folgenden drei Tage haben eigentlich zwei Dimensionen:
Da die Tour aus einem immer wiederkehrenden Muster in einer sich immer ändernden Landschaft bestand, hat sich das ganze interessanterweise letztlich zu einem großen Brei an Erinnerung gebildet. Dieser ist letztlich in zwei Dimensionen unterteilbar: die Tour an und für sich und die soziale Komponente der Tourgruppe.

Dimension #1
P1220577Am ersten Tag ist alles noch voll krass, ey! Wir sind über 4.000 Höhenmetern ohne irgendetwas dafür getan zu haben und die Landschaft vermittelt kaum den Eindruck, ausser dass sie natürlich ziemlich eindrucksvoll ist. Aber hey, wir sind auf 4.000 Höhenmetern und hier gibt es noch Leben, Tiere, Pflanzen und jede Menge Sand.
Obwohl man als Eifler ja unglaubliche Erhebungen gewöhnt ist, sind diese Proportionen doch wirklich ungewöhnlich.
P1220717Wie in einer Zeitreise schiebt irgendwann unser Fahrer, dann seine eine und einzige Kassette in die Anlage und was hören wir? Modern Talking. Unglaublich, aber die haben’s bis hierhin geschafft – und nicht nur dort – auch in Uyuni und sonst im Radio dröhnt Modern Talking aus den Boxen.

P1220611Wir passierten am ersten und auch zweiten Tag jede Menge Lagunen, deren Namen ich nur vom Tourprospekt weiss und euch somit auch nicht antue. Oft beziehen sie ihre Namen von ihrer Farbprägung, die sich meist von den vorkommenden Mineralien ableiten lässt, die bei ihrer Erzeugung nicht ganz unbeteiligt sind.
Während es mehr oder weniger flach und wüstenartig ist, ziehen sich zu allein Seiten Berge hoch, die sogar manchmal Vulkane sind.
Wir besuchen eine warme Quelle (35 grad), wo sich die Jeeptouristenmassen fröhlich drin tummeln, fahren an super stinkigen Geysiren vorbei und natürlich an so mancher Lagune.
Zur Übernachtung halten wir an einer Mitten-im-Nirgendwo scheinenden Unterkunft, an der sich so langsam die Jeeps unterschiedlichster Tourveranstalter sammeln und die Hütte voll wird. Kurz darauf zieht krasser Regen auf und prasselt lautstark unter dem Blechdach. Wir kommen als 5er Gruppe in ein Zimmer, dessen Betten gemütlich auf Beton gelagert sind.

Während alle einen gewissen Schmerz oder Druck am, im oder um den Kopf verspüren, bemerke ich ein weiteres Symptom sich einer möglicherweise annähernden Höhenkrankheit: Euphorie…
Es ist wie auf einer Klassenfahrt…man teilt sich ein Zimmer, macht Späßchen, kriegt sättigendes, aber nicht so leckeres Essen und es sind ganz viele um einen rum – Es fehlen ein bisschen die prä- und peripubertären Späße wie Kondome an der Decke oder voll vier Bier trinken und rauchen (oho), aber sonst sind wir nah dran.

P1220697Nachdem das schöne, wunderschöne Regenspektakel weiterzog, fuhren wir zur Laguna Colorada und sahen eine Menge (!) Flamingos. Die gab’s zwar schon vorher – aber jetzt sinds noch mehr und die Farbe der Lagune kam schön zur Geltung. Zur Lagune geht es etwas Bergab und der Rückweg ist ungeahnt beschwerlich. Es ist einfach nicht genug Luft da. Zwei Schritte und dann Pause und dann weiter. Doch der zunehmende Regen macht etwas Druck und so mühen wir uns abgekämpft den kleinen Hügel hoch.

Die kommende Nacht schlafen alle halbwegs schlecht oder gut, aber was erwartet man auch. Wir waren zwar in San Pedro schon auf über 2.000 hm, aber das ist echt nochmal ne andere Hausnummer.

P1220762Am zweiten Tag wird alles zunehmend Wüstenartiger. Erster Sightseeingpunkt ist der Arbol de Piedra, ein Baum aus Stein. Für uns, also Wüstenerprobte irgendwie nicht so spektakulär. Noch dazu, all die Leute die rumwuseln und sich fotografieren und dann weiterfahren – das nimmt dem ganzen Ort mal wieder alles, was er an Atmosphäre haben könnte.
Und auch den Fahrern nötigt es bestimmt einiges an Einfühlungsvermögen ab, warum sich all diese Touristen mit einem Stein fotografieren lassen.
Zu Mittag essen wir wieder an einer Stelle wo sich besonders viele Steine irgendwie Erosionsartig zusammen und auseinandergetan haben. Etwas weiter wird die Landschaft dann irgendwann grüner und man sieht landwirtschaftlich P1220993genutzte Flächen, vor allem Quinoa-Felder und jede Menge Llamas.
Wir halten an einem Ort, der erste Eindruck bolivianischer Zivilisation und wir fühlen uns unglaublich unwohl. Da steigen wir, mit unseren Kameras bewaffnet aus den Tourjeeps und sollen mal über den Markt laufen und uns die alte Kirche anschauen. Und das passiert hier vermutlich jeden Tag, 365x im Jahr. Wir werden größtenteils ignoriert, weil, es ist ja kein neues Phänomen – aber es fühlt sich irgendwie blöd an und das Unwohlsein will nicht abebben. Wer kommt auf die Idee, dass irgendwem das gefallen könnte?

So langsam wird die Sitzerei und Aussteigerei etwas eintönig. Abzuschliessen ist der heutige Tag mit dem Zugfriedhof, direkt vor Uyuni gelegen. Hier fanden auf den ewigen Abstellgleisen mehrere Lok’s und Waggons ihre letzte Ruhestätte. Wobei von Ruhe keine Rede sein kann.
P1230030Von Bildern her, sah dieser Zugfriedhof toll aus. Die Realität ist natürlich eine andere. Es ergiessen sich wieder die Jeephorden, zu deren Einheit wir unweigerlich gehören und rufen sich Fotopositionsanweisungen zu und lachen P1230031und lärmen und überhaupt. Sollte Lukas‘ Lok „Emma“ mal eine letzte Ruhestätte suchen, diese würde ich ihr nicht empfehlen.
Insgesamt aber doch ein schlüssiges Prinzip, wie man lukrativ aus Müll Profit schlagen kann. Die mit Müll übersäten Felder, die wir kurz vor der Stadt und dem Friedhof passierten, wurden leider noch nicht in ein touristisches Konzept eingebettet. Dabei gab’s alles: die ordinäre Plastiktüte, Konservendosen, Stahl- und Eisenmüll, einfach alles.

P1230136Am dritten Tage heisst es früh aufstehen, denn wir sehen uns auf dem Salar den Sonnenaufgang an. Der Salar ist, wie vermutlich schon gesagt, die Hauptattraktion der Tour. Mit über 10.000km² eine ziemlich große Salzfläche, die in der Regenzeit dann teils unter Wasser steht und somit nicht befahrbar ist. Insgesamt geht man davon aus, dass es hier zehn Milliarden Tonnen Salz gibt.

Normalerweise fahren am zweiten Tag die Touren über diesen Teil, der uns nun leider verwehrt wird. Später dann machen wir jede Menge Fotos, wie wohl alle und jeder, der hier die Möglichkeit hat in dieser Perspektivlosigkeit etwas Live-Fotomontage zu begehen. Danach geht es dann noch zu einem Teil, der eigentlich als der größte Spiegel der Welt oder so proklamiert wird – da es aber windet, spiegeln die gut 2-3cm Wasser auf der Salzfläche nicht viel. Persönlich hab ich mir das alles etwas anders vorgestellt, natürlich ist es krass, dass es einfach so eine riesige Ebene gibt, die vollkommen Salzhaltig ist, aber irgendwie… naja. Die Bilder jedenfalls sind ganz schön geworden 🙂

P1230154IMG_8681aIMG_8659

Dimension #2
Wir haben wohl bei der Gruppenzusammenstellung echt Glück gehabt. Auch wenn wir doch, von der Deutschsprachigkeit abgesehen, eine recht heterogene Gruppe waren, mit recht unterschiedlichen Ansätzen vom Reisen, so war es doch sehr kurzweilig und immer sehr lustig. Und auch nicht nur für mich in meiner Euphorie-Phase. Auch ist es interessant für diese drei Tage irgendwie so eine soziale Beziehung aufzubauen. Auch in Verbindung mit der anderen Tourgruppe – mit denen wir dann am zweiten Abend in Uyuni noch in ein Tripadvisor-zertifiziertes Restaurant gingen. Hier gab es Live-Musik die so laut war, dass man sich nicht unterhalten konnte. Wieder auch so eine Situation, die ich traurig fand. Da stehen die sechs Jungs und rocken sich an bolivianischer Folksmusik vor 4 Leuten ab, die eigentlich eher „nur“ was essen wollten, bevor wir dann die Hütte betreten und das ganze auf 14 erhöhen. Aber das ist wohl das Los des Musikers. Zwei Iren der Gruppe frage ich dann natürlich nach Rory Gallagher und siehe da, sie mögen
Rory Gallagher! Haben zwar keinen Onkel, aber dafür erzählen sie von einem viertägigen Festival,das zu seinen Ehren stattfinden soll.
Am dritten Tag ist es dann schon schade, dass sich alle wieder in alle Winde zerstreuen, wobei sich doch ein paar zusammen tun, da sie in näher gelegene Orte wollen – für uns geht es jedoch direkt nach La Paz

Kurz bevor wir unseren Bus besteigen zieht über Uyuni ein ordentliches Gewitter herein, dass wir so noch nicht erlebt haben. Riesige Blitze und Donner, dass die Schwarte kracht.

Advertisements

Schreib einen Kommentar!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s