Vom Süden in den Norden

Kurz möchte ich unsere letzten Tage in Chile skizzieren, aber vorher sind noch ein paar Worte zu Puerto Natales zu verlieren, von wo wir ja zum Torres del Paine Park starteten:
Die Fahrt von El Chaltén nach Puerto Natales führte uns stundenlang durch weite und größtenteils langweilige Ebenen. Zuerst hat diese Weite ihren Reiz, doch bald ist von diesem nicht mehr viel zu verspüren. Wir schätzen uns froh, über Villa O’Higgins die Grenze gequert zu haben und nicht schon länger über Argentinien gefahren zu sein. Wobei ich auch nicht weiss, von wo bis wo man durch dieses ewig gleiche flache, karge Land fährt.

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Die Grenzquerung nach Chile ist von dem obligatorischen Nahrungsmittelcheck geprägt. Im Bus erhalten wir bereits einen Einreisezettel auf welchem wir markieren sollen, ob wir Lebensmittel mit uns führen. Die Rucksäcke werden durch eines dieser „Flughafenkontrolldinger“ geschickt und als wäre es nicht offensichtlich, haben viele Obst mit und müssen es nun essen oder fort werfen. Typisch Deutsch fragen wir uns natürlich, warum manchen nicht offensichtlich ist, dass man Obst nicht einführen darf – denn man kann es vorher in Reiseführern und sonst wo lesen und es stand auch schon auf dem Anmeldezettel den wir im Bus ausfüllten. Aber wir waren uns auch nicht so sicher ob wir alles mitnehmen können, wobei wir nur trockenes Zeug mit hatten, aber wir kamen durch.

Hostelgeschichten
In Pto Natales angekommen, bekamen wir direkt an der Busstation einen Flyer für ein Hostel gereicht, welches nur 6€ für ein Bett im Dormitory kosten sollte. Na Prima, dachten wir uns und gingen dort hin.
Die Stadt ist eigentlich genauso, wie auch alle chilenische Kleinstädte in denen wir zuvor waren. Das einstöckige Bauprinzip scheint ziemlich universal.
Vor Ort erfuhren wir dann, dass unser super Deal für 6€ ein 20 Bett Zimmer ist, doch zu dem Zeitpunkt war noch niemand dort und wir gingen davon aus, es bliebe so.

Was dann passierte, wiederholte sich jede der fünf Nächte die wir dort verbrachten: Zwischen 21 und 23 Uhr füllte sich das Dormitory meist komplett und entleerte sich ab 6.30.
Und jede Nacht und jeden Morgen passierte das gleiche: Niemand interessierte sich dafür, dass andere schon schliefen und die, die schliefen oder es versuchten, verschafften sich nicht Gehör und baten um Ruhe. Das Licht wurde also angemacht, es wurde laut rumgesprochen und es wurde der Rucksack komplett ent- und eingepackt. Dinge also, die man erledigen kann, bevor andere Schlafen oder indem man sich ausserhalb des Dormitories begibt. Aber scheinbar für alle anderen ein total abwegiger Gedanke.
Nach einiger Zeit konnten wir uns darauf einstellen maximal 6 Stunden Schlaf am Stück zu haben.
Die Tatsache, dass die Toiletten regelmässig verstopft waren, weil manche Menschen Toilettenpapier ins Klo warfen, hat der ganzen „Wohnsituation“ natürlich noch mehr Würze gegeben.
Es gilt eigentlich in komplett Südamerika das Gebot, dass man Toilettenpapier nicht ins Klo werfen kann ohne eine Verstopfung hervor zu rufen. Oft genug sieht man auch Hinweisschilder an den Klo’s, also ist eigentlich auch für Menschen gesorgt, die gerne Dinge vergessen.

Warum also tatsächlich Menschen nicht in der Lage sind logisch zu denken bleibt mir bislang ein großes Rätsel. Ein Chilene sagte mir mal, dass er es nicht aushalten könnte, benutzes Toilettenpapier wieder von der Toilettenschüssel herauszunehmen und in den Mülleimer zu werfen – wo er dann „das“ von anderen sehen kann und andere „seins“ sehen müssen. Das setzt dem ganzen wohl, verständlicherweise !, die Krone der Widerlichkeit auf.
Ich schätze mal, dass in solchen verzwickten Situationen der Leidensdruck einfach so groß sein muss, dass man einfach das Papier ins Klo werfen muss…komme was wolle. Und was kommt ist klar: der ganze Spaß schwimmt lustig in der Schüssel rum 🙂

Wie wir recht schnell erfuhren, sind wir in einem Israeli-Hotspot-Hostel gelandet. Die Frage ist, woran es liegt? Dass der Besitzer Hebräisch spricht, da er 9 Monate in Israel war oder, dass die Unterkünfte verhältnismässig ziemlich günstig sind und man vielen Israelis nachsagt preisgünstig zu reisen (zu müssen)?
Interessanterweise laufen alle Gespräche mit Israelis fast immer gleich ab, denn sobald wir zu erkennen geben, das wir mal in Israel waren, hat man ein Thema: Israel. Eigentlich ist dies immer interessant, aber es ist auch einfach ein hochkomplexes Thema, bei dem mir oft die Hintergründe fehlen um z.B. auch nachhaken zu können, wenn es z.B. heisst, „wir haben in 70 Jahren aus Nichts eines der hochentwickelsten Länder gemacht“. Natürlich stimmt das, aber auf wessen Kosten und auf welcher Grundlage? Weiss ich selber nicht, doch irgendwie kann man es sich nicht so einfach machen. Jedenfalls, wie das oft so ist, wenn viele Menschen einer Muttersprache aufeinander treffen, so neigen sie dazu, diese auch zu verwenden. Wir befanden uns also einen Großteil der Zeit in einem Vakuum aus Spanisch und Hebräisch, dass einem bei einem gewissen Geräuschpegel auch unheimlich auf die Nerven gehen kann.

Nach den fünf Tagen voller Lärm und ewigem Gewechsel und neuen Gesichtern, zu denen man doch keinen Kontakt aufbauen kann/ will, sind wir ziemlich froh den Ort verlassen zu können.
Warum wir nicht früher gegangen sind? Als mega harte Budget-Backpacker (ich hoffe ich verwende das hiermit zum ersten und letzten Mal 🙂 ), war die Chance zu reell 50% der regulären Übernachtungskosten zu sparen.

Auf dem Weg nach Santiago
Montags machten wir uns auf zum Flughafen von Puerto Natales, einem kleinen, praktisch-quadratischem Gebäude, denn dieser wird nur von einer Airline und auch nur im Hochsommer betrieben. In gut vier Stunden legten wir die Strecke zurück, für die wir über zwei Monate gebraucht haben. Eine Gegend in der man zweifelsohne viel mehr Zeit verbringen könnte, aber dennoch sind wir auch froh, dass es jetzt endlich mal weiter und ganz woanders hingeht.

P1220285In Santiago hatten wir ein Hostel gebucht, das satte 14€ kostete, wir also direkt mal unser „erspartes“ aus Pto. Natales wieder los werden.
Als wir ankamen, waren wir ziemlich erstaunt. Das Hostel war einfach wunderschön gestaltet, es gab einen Innenhof, der zum verweilen einlud und in eine Bar und Küche übergeht, ein fettes Wohnzimmer mit Fernseher, schön gestaltete Zimmer, mit wundervollen Matratzen und überhaupt jeder Gang war schön bemalt oder mit irgendetwas passend dekoriert. So landeten wir dort mit unseren dreckigen Rucksäcken, an denen noch die Isomatten und Wanderschuhe baumeln, die wir durch Regen,Matsch und Dreck getragen haben, tragen unsere abgetragenen und einzigen Klamotten, nach vielen Formen von Gestank riechend…

Wir kamen uns total deplatziert vor, wie Ausserirdische, im falschen Film, zumindest in der falschen Szene. Alle anderen im Hostel sehen total schick und hübsch aus, haben am Abend etwas anderes an, als am Morgen, sind mit massiven Rollkoffern, mit vermutlich zwanzig verschiedenen Outfits unterwegs und trotzdem nette Menschen 🙂
Trotz der anfänglichen Gedanken wie wir denn in dieses Szenario passen, tat es total gut an einem sauberen Ort zu sein, auf einer weichen Matratze schlafen zu können und auch mal nicht mit dem Benzinkocher kochen zu müssen.

Am nächsten Morgen kauften wir ein Busticket für die Busfahrt nach San Pedro de Atacama, welche um 22 Uhr am selben Abend los ging. Da mir schon länger die Haare etwas zu lang werden, ging ich das Risiko ein und nahm die Busbahnhofsfriseurin in Anspruch. Das Resultat ist eine noch antiquiertere Frisur, die am erträglichsten aussieht, wenn man sie vier Tage lang nicht wäscht 🙂

Die Busfahrt ist stellenweise eine Tortur gewesen, gut 24 Stunden waren wir unterwegs und während es des Nachts nur einen Film gab, der über die zentralen Lautsprecher wiedergegeben wurde, lief ab 10 Uhr morgens bis 5 Uhr Nachmittags super beschissene Scheiß-Stand-Up-Comedy, die wirklich unglaublich, unglaublich Scheiße war. Noch schlimmer als eine Sendung von Markus Maria Profitlich !!! Es grenzte schon an Folterung und wir gehen davon aus, dass kaum die Hälfte des Busses Lust hatte das zu sehen, aber was passierte? Nichts.
Niemand sagt etwas. Nie-Mand! Nach fünf Stunden ging ich zum Fahr-Begleiter und bat ihn den Film auszustellen, er nickte, tat verständnisvoll, machte aber dennoch nichts und so lief der Mist noch ganze 2 Stunden. Mir ist immer noch unerklärlich, wie man es mit seinem Gewissen vereinbaren kann ein Format, egal was es ist – 7h Actionfilm wäre auch Scheiße gewesen – so lange zu zeigen. Es war schließlich immer das gleiche: Zwei Männer die doofe Witze erzähen oder irgendwelche Sketche machen. Immer dieselben. Einzig die Intromusik war
gut: La Grange von ZZ Top. Yeah!

San Pedro
P1220305Um 22 Uhr kamen wir in San Pedro an, nahe der bolivianischen Grenze und in der chilenischen Atacama Wüste gelegen… Diese sahen wir schon seit Stunden…Wüste, Wüste und Wüste. Chile ist wirklich ein unglaublich vielfältiges Land.
Viele Häuser hier sind niedrig und aus Lehm gebaut. Die Straße: festgetretene Erde. Fährt man auf San Pedro zu, so sieht es aus wie eine Oase, kontrastreich sticht das Grün inmitten der braunen Häuser hervor. Wie wir so durch die wenigen Straßen liefen, die nicht voller Touragenturen sind und durch die sich die Touristenmassen zwängen, haben wir das Gefühl, als würden wir in Ägypten in der Wüste wandeln. Viel bleibt von dem Eindruck aber nicht, die Touragenturen sind schon irgendwie anders und auch die Frauen haben alle viel weniger an.
P1220297Wir suchten uns einen Campingplatz und fanden einen, einen Party-Campingplatz. An Schlaf war kaum zu denken und auch schon die letzte Nacht im Bus kann nicht wirklich als erholsam betrachtet werden. Doch einiges hatten wir am folgenden Tag zu erledigen, eine Tour über das Altiplano nach Uyuni (Bolivien) buchen, Geld wechseln und vielleicht noch eine Touri-Tur zu einem der nahegelegenen Sightseeing-Hotspots machen. Als wir die Tour für den nächsten Tag gebucht hatten, meldeten wir uns noch für einen 4 Stündigen Standarttrip zum Valle de Luna an. Busladungen von Touristen werden hier zum Valle de la Luna und zum Valle de la Muerte gefahren. Der Name des ersteren soll sich zum einen aus der Landschaft, die durch Wind und Wasser-Erosion entstand und den starken Salzablagerungen, die wiederum weiß sind und im Mondschein auch glänzen sollen, ergeben haben. Das zweite entweder durch einen Fehler bei der Namensgebung, eigentlich sollte es Marte heissen, aber unsere Guidin meinte dann, dass es eher von dem Völkermord herzuleiten ist, den auch hier die gläubigen Christen von der iberischen Halbinsel fleissig betrieben haben.

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Zum Sonnenuntergang sammeln sich dann alle Busladungen an einer Stelle und so sind wir dann alle beschäftigt irgendwie schöne Fotos zu machen und dabei zu vermeiden alle anderen Menschen hierbei auf dem Motiv zu haben. Rückblickend sind die Fotos sogar ganz schön und eigentlich hätte das Ambiente auch ganz gut für ein Stoner-Rock-Konzert gepasst. Sonnenuntergang, Leute, es ist warm, es ist in der Wüste…

(wer es tapfer bis zur Minute 4.30 schafft, hört auch Gesang)

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Vom Ambiente passt dies auch gut: http://youtu.be/VmK-ukwTfUA?t=1m53s

Der Ausflug war ganz nett, aber mal wieder überwiegt ein dumpfes unzureichendes Gefühl. Die Rockband fehlte und überhaupt…irgendwo hingefahren zu werden, Fotos schiessen, weiterfahren ist einfach weniger schön, als sich irgendwo hin zu schleppen und dann Fotos zu machen :). „Das bin ich vor der Wüste, musste nur 14€ zahlen und mich in einen Bus setzen“. Teilweise sehen wir auch welche die alleine unterwegs sind, in dem sie sich ein Fahrrad geliehen haben, doch das kam leider aufgrund des Zeitplan’s nicht in Frage.

Die letzte Nacht in Chile verbringen wir wieder im Zelt. Heute schläft Judith mal gut und ich weniger, die Party People sind zwar abgezogen, aber eine Gruppe harrt die ganze Nacht aus und ist mal mehr, mal weniger Laut. Als wir gegen 6.45 anfangen unsere Sachen einzupacken, kommt ein Überbleibender dieser Gruppe auf uns zu und fragt ob er Gitarre spielen kann, ich versuche ihm deutlich zu machen, dass andere Leute schlafen (nicht, dass es irgendwas wäre, worauf man hier Rücksicht nehmen müsste) und er schon die ganze Nacht Lärm gemacht habe. Er besteht darauf, denn er muss jetzt einfach spielen…Für unsere Reise stimmt er dann ein paar krumme Akkorde an, da die Gitarre ziemlich verstimmt ist…
Und so endet unsere Zeit in Chile…

Fazit:
Während die letzten Tage eher anstrengend und nervig waren, waren es doch insgesamt schöne Wochen, in denen es ziemlich viel zu sehen gab. Aus kultureller Hinsicht mag Chile vielleicht weniger interessant oder „exotisch“ wirken, als andere südamerikanische Länder. Aus kulinarischer Hinsicht sind wir bis auf vegetarische-Empanadas ja eigentlich sowieso raus.
Oft rutschen mir Gedanken raus, wie „Chile ist voll teuer und ich bin froh wenn es in Bolivien billiger wird“, aber was sagt das schon über das Land aus und liegt dahinter nicht eine Unkenntnis, sich nicht mit den „Warum’s“ etwas mehr auseinanderzusetzen? In Chile haben viele Dinge ein europäisches Preisniveau, nur die Löhne nicht, die Bildung ist komplett privatisiert und Menschen, die eh schon wohlhabend sind, profitieren von diesem System am meisten – da sie keine Kredite aufnehmen müssen. Die wohlhabende „Klasse“ kann sich somit super reproduzieren, während Menschen mit weniger ökonomischen Mitteln seltener ein Studium aufnehmen können, dass ihnen ein höheres Einkommensniveau ermöglichen würde. Berufsausbildungen finden hier auf so etwas wie einer Hochschule statt, die zwei oder drei Jahre dauert, während das reguläre Studium fünf Jahre beträgt. Es ist also für Menschen mit weniger Geld einfacher ein zwei, bis dreijähriges Studium zu absolvieren. Der Eindruck basiert jetzt aber auch nur auf drei Gesprächen.
Dennoch haben wir uns in Chile immer sicher gefühlt, auch wenn man die Augen nicht davor verschliessen kann, dass in manchen Gegenden Menschen unter sehr einfachen Bedingungen leben müssen.

In landschaftlicher Hinsicht ist Chile wirklich phänomenal. Eigentlich haben wir uns ja wirklich auf den patagonischen Teil beschränkt und sind hier ja auch nicht bis zum Ende gegangen, also Feuerland. Dabei gibt es so viel mehr zu sehen vom Land. Die Landschaft ist dort unten auf allein 1000 oder 1500 höhenmetern so abwechslungsreich, da fällt einem nichts mehr ein und auch Fotos können nur annähernd wiedergeben, wie eindrücklich das alles ist und war.
Noch dazu, war es für uns letztlich garnicht so teuer in Chile zu reisen, da die Campingplätze ja immer wesentlich günstiger als Unterkünfte waren.
Auch war es interessant, gerade entlang der Carreterra Austral immer wieder auf Menschen zu treffen, die man schonmal vor einer oder drei Wochen gesehen hatte.
Also insgesamt bleibt zu sagen: Schön, dass wir da waren und auf eine Fahrradtour entlang der Carreterra Austral hätt ich auch Lust 🙂

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