Auf der Wanderautobahn in Argentinien

El Chalten ist Argentiniens Trekkinghauptstadt, so steht es am Ortseingang. Was bedeutet das für einen Ort und wie sieht so einer dann wohl aus?
Die Antwort ist ziemlich einfach: Touragentur reiht sich an Touragentur oder an Outdoorklamottenhändler oder an ausgefallene oder weniger ausgefallene Restaurants oder an mehr oder weniger ausgefallen gestaltete Unterkünfte. Dazwischen gibt es ein paar Häuser, die wohl die Menschen beherbergen, die den ganzen Zirkus am Laufen halten.
In El Chalten herrschte für mich ein Gefühl vor: Entfremdung.
Eigentlich muss man sich in einem turistischen Ort ja garnicht unwohl fühlen, es ist ja doch das natürliche Habitat des Touristen. Und El Chalten ist ja nicht nur ein touristischer Ort, das wäre für mich ein Ort, wo viele Touristen sind, neben dem der Ort aber auch andere Zwecke der Existenz hat, aber wenn es hier keine Touristen gäbe, dann gäbe es hier nichts. Im Winter soll die Einwohneranzahl auf 100 schrumpfen..
Warum also all dieses komische Gequatsche?

Das fing an mit dem Campingplatz, auf dem einfach so viele Leute waren, wie ich es bisher nicht erlebt habe und alle liefen grußlos aneinander vorbei, erledigten ihren Kram. Auf einmal gab es so viele von „uns“, das man sich garnicht mehr für einander interessierte, beziehungsweise die Masse einfach keine Möglichkeit gegeben hat. Also weniger ein Campinglatz als eine Campingstadt. Im Kontrast haben wir die letzten Tage unsere Zeltplätze mit nicht mehr als zehn Menschen gleichzeitig geteilt, zuvor vielleicht mal zwanzig, aber das ist schon das höchste.
Wir entschieden uns am zweiten Tag in ein Hostel zu gehen. So viel Luxus hatten wir bisher noch garnicht auf der Reise und siehe da, kaum sind die Menschen weniger, kann man auch wieder in Kontakt treten. Natürlich geht es auch in den Massen, aber mich hat das einfach nur erschreckt.
Natürlich hat so eine vom Tourismus domestizierte Stadt, die übrigens auch überhaupt erst seit 1985, aufgrund von Grenzstreitigkeiten mit Chile, besteht, ihre Vorteile. Wir gehen endlich mal lecker Essen und belohnen uns für all die erlebten Qualen und auch all jene die da gewiss noch kommen mögen.

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Und warum eigentlich Trekkinghauptstadt?
Ich frage mich warum man diesen Ort Trekkinghauptstadt nennt, aber bald schon liegt die Antwort auf der Hand. Alle sehenswerten Höhepunkte, also die Aussichtspunkte zum Fitz Roy und Cerro Torre sind in Tagesmärschen zu bewältigen. Und die Tageswanderer sind eigentlich auch die Mehrzahl an Menschen, die man unterwegs sieht. So wird es einem möglichst großem Publikum ermöglicht den Nationalpark zu nutzen.
Wir möchten eigentlich von den überlaufenen Strecken fernbleiben und einen Vier-Tages-Trek machen, der uns über einen Gletscher und einen Pass zu einem super Aussichtspunkt auf das patagonische Inlandseis führen soll. Doch in der Nationalparkinfo erfahren wir dann, dass vor dem Gletscher eine Flußüberquerung kommt, die wir so noch nicht hatten: Hüfthohes, eiskaltes Wasser und sehr starke Strömung. Die Aussicht komplett durchnässt über einen Gletscher zu laufen, erschien uns dann doch wenig verlockend, sodass wir uns entschieden uns auf die Wanderautobahn zu begeben. Wir sind froh mit dem Zelt unterwegs zu sein, letztlich müssen wir viel weniger laufen, haben keine Unterkunftskosten und können uns die Aussichtspunkte zum Sonnenaufgang anschauen.

Wir packen uns Essen für drei Tage ein, leihen Trekkingstöcke aus und los geht es. Die ersten Stunden übe ich mich in Griesgrämigkeit. Die Unmengen an Menschen, die uns entgegenkommen, die wir überholen, die uns überholen und dieses ewige „Hola“ sagen und das manchmal Leute garnichts sagen, nervt mich sehr. P1200625Ich finde die ganze Sache des Wanderns total pervertiert. Wo man normalerweise hin geht um in der Natur zu sein und jeden gerne grüsst, der sich auch aufgemacht hat, ist man umgeben von tausenden Kopien seiner selbst. Die Umgebung ist zwar schön, aber weniger spektakulär, als ich es erwartet hatte und einmal mehr frage ich mich, warum wir denn hier alle diesen Zirkus mit machen. Es gibt doch so viele andere Orte, wo man wandern könnte, die viel schöner sind und doch, hier kommen sie alle hin und geniessen die „wilde“ Natur. Pah, wild.
Die Strecken sind wirklich so gut ausgebaut und markiert, es braucht schon einiges an Talent sich zu verirren. Das ist natürlich bequem, wir können gut Tempo auf der Autobahn machen, aber die kleinen Herausforderungen fehlen. Über jedes Stück Wasser, das tiefer als drei Zentimeter ist, wurde eine Brücke gebaut, kein umgefallener Baum blockiert den Weg. Nach gut 4 oder 5 Stunden kommen wir am Campingplatz Poincenot an. Von hier ist es nochmals eine gute Stunde zum Aussichtspunkt auf den Fitz Roy.

P1200564
Während der Campingplatz in einem Waldstück liegt, ist direkt daneben eine offene sandige Fläche, von welcher man schon gut auf den Fitz Roy schauen kann und der Ärger von zuvor ist beinahe vergessen. Hier sieht es wirklich schön aus. Der Campingplatz ist schon recht voll und wird immer voller und aus diesem Grunde erleben wir wohl folgendes Phänomen: Irgendwann hören wir jemanden „Cerveza, Sandwich Queso Jamon, Cerveza“ rufen. Und siehe da, ein tüchtiger Kleinunternehmer hat Bier und Sandwiches hier hin geschleppt, um sie gewinnbringend zu verkaufen. Ich selbst kann nicht wiederstehen, kaufe ein Bier für schlappe vier Euro und unterstütze die argentinische Selbstständigenwirtschaft.
Weiteres kleines Highlight ist die Schaufel, die für „In-den-Wald-Scheisser“ zur Verfügung steht, wer es konventioneller mag, kann sich im Plumpsklo erleichtern.

P1200509Nach einer ruhigen Nacht machen wir uns auf, den Sonnenaufgang vom Fitz-Roy-Aussichtspunkt zu betrachten und schleppen uns um 5 Uhr morgens 500 Höhenmeter hoch um dann mit einigen, aber garnicht so vielen anderen, das schöne Farbenspiel auf dem Felsmassiv und der umliegenden Landschaft anzuschauen. Petrus ist mit uns, denn der Fitz Roy ist in diesem Zeitraum zuerst garnicht Wolkenverhangen, später leider schon. P1200422

Nach dem Abstieg und einer kurzen Siesta im Zelt sehen wir dann, das mittlerweile der Fitz Roy größtenteils verhangen ist und sich dies während des Tages auch nicht mehr ändern sollte. Glück gehabt. Am selben Tag machen wir uns auf zum Campingplatz nahe dem Lago Torre, eine circa 6h lange Wanderung. Zum ersten Mal sind wir den patagonischen Wetterlaunen ausgesetzt: Es regnet, windet, hört auf zu regnen und fängt wieder an und windet zwischen durch. Ich freue mich über diese Abwechslung und diesen leichten Widerstand den uns die Natur endlich mal bietet. Auch die Strecke ist wesentlich ansprechender,
als am vorigen Tag. Es geht durch Wald, entlang von spärlich
bewachsener Pampa entlang von Seen und letztlich durch eine weite Ebene, die wie so üblich von Gebirgszügen eingerahmt ist.
Der Campingplatz ist weitaus weniger stark bevölkert und generell begegnen wir weniger Menschen, was vielleicht am anhaltenden Nieselregen liegen mag. Auf diesem Campingplatz finden wir das obligatorische Plumpsklo, nur leider zu nahe unseres Zeltes. Weiterhin gibts hier auch keine Schaufel, für die, die in den Wald gehen wollen. Stattdessen finden sich doch diverse Tretminen keine 10 Meter vom Plumpsklo entfernt. Das beste Plumpsklo haben wir bis jetzt wirklich in Cochamó angetroffen – dort wurde darum gebeten, dass man bitte nicht ins Klo uriniert. Ein solches Verfahren könnte dem Geruch vorbeugen, dem wir nun ausgesetzt sind und vermutlich auch der Zersetzung der Extremente zuträglich sein. Von solcherlei Hinweisen ist leider auf den bisherigen Plumpsklos, die wir so antrafen, nichts zu sehen.P1200694

Den Grund unserer Anwesenheit, der Ausblick auf den Cerro Torre lassen wir an diesem Tag aus und kuscheln uns zum Lesen nach einem leckeren Nudelgericht ins Zelt. Die nächsten zwei Morgende machen wir uns dann zum Sonnenaufgang-betrachten zum Lago Torre bzw. Cerro Torre, da wir uns entscheiden einen weiteren Tag am Campingplatz zu verbringen. Die Essensreserven sind zwar knapp, aber wir gehen davon aus damit hin zu kommen. Letzten Endes ist wirklich nicht viel übrig vom Essen, obwohl wir sonst immer viel zu viel mit haben.

Der Rückweg zum Ort El Chaltén verläuft landschaftlich zwar eher eintönig, stets mit einem Tal zur rechten, teilweise Hügelbesteigungen, aber dennoch ganz netten Aussichten. Vielleicht wäre es ganz schön, wenn man jetzt dieses „allein-in-der-Natur-Gefühl“ hätte, aber das wollen auch die ganzen Tageswanderer haben, denen wir jetzt entgegenlaufen und somit auch nicht mehr aus dem „Hola“ sagen herauskommen.

Für die letzte Nacht ehe es wieder nach Chile, genauer Puerto Natales, gehen sollte landen wir wieder auf einem Campingplatz, der aber wesentlich schwächer besiedelt ist und wir tatsächlich die Möglichkeit hatten mit Menschen zu reden und nicht nur an ihnen vorbei zu laufen.

(mehr Bilder werden kommen, doch derzeit ist das Internet nicht mit uns)

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