Endspurt auf der Carreterra Austral: #2 Tortel

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Auf nach Tortel (26.-28.1)
Mal wieder heisst es früh aufstehen, denn um 9:30, also in aller Herr-Gott’s-frühe, fährt der Bus los. Um 7:00, wenn noch nichtmal an den Herr-Gott zu denken ist, klingelt der Wecker, denn das tägliche Einpackritual braucht so seine Zeit. Unser Bus nach Tortel ist eine 90% Touristenmischung aus dem Aus- und Inland, aber immer noch gerade mal 14 an der Zahl…und so erleben wir das erste Mal eine Busfahrt, in welcher der Busfahrer immer wieder anhält um uns Fotostopps zu ermöglichen oder gar dazu anzuregen.

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Tortel ist der vorletzte Ort am Ende der Carreterra Austral und verfügt sogar über einen Meerzugang, der vermutlich die Besiedelung überhaupt erst ermöglichte. Das Örtchen mit rund 500 Einwohnern, davon dreihundert und irgendwas Männer und zweihundert und irgendwas Frauen, wurde ziemlich langgezogen, entlang eines Hügels gebaut und ist nur über Holzstege begehbar. Der übrige Baustil ist eigentlich typisch chilenisch. Einstöckige, kleine Häuser, die mal wie ein simpler Bretterverschlag aussehen und mal aufwändig mit Holz verkleidet sind.
P1190291Diese besondere Bauart, entlang des Wassers, hat ein anderer Reisender auch mit dem „Venedig Chile’s“ in ein Bild zu pressen versucht. Dieser ambitionierte Vergleich scheint aber doch etwas den Rahmen des Nachvollziehbaren zu sprengen, wie gesagt: es handelt sich um ein Fischerdorf mit 500 Einwohnern.

Wir schleppen uns zu einem wirklich schön, aber auch recht abseits gelegenen Zeltplatz am Ortsende von Tortel. Er verfügt über keine Infrastruktur, also Wasser und Toiletten, aber dafür ist er auch umsonst. Mit direktem Meerzugang, den man aber sicher eher meiden möchte, da scheinbar sämtliche Abwasser direkt vom Dorf ins Wasser geleitet werden.

Irgendwann gegen Abend kommt eine Gruppe Argentinier, mehrere Männer sowie eine Frau und ein Kind, welche in Tortel leben, starten ein Lagerfeuer und schmettern immer weiter irgendwelche Liebeslieder, die sich für uns ziemlich immer-gleich anhören. Irgendwann gegen 12 Uhr gehen unsere Zeltnachbarn und auch wir ins Bett, doch an Schlaf ist nicht zu denken. Für vielleicht eine halbe Stunde ist der Anführer der Gruppe mit der Frau und dem Kind entschwunden. Übrigens hebt er sich durch eine sehr einprägsame dreckige Lache und durch einen hohen Redebeitrag von der Masse ab. In dieser Zeit gehen die anderen auf meine Bitte ein, ihre Handymusik aus oder zumindest leiser zu stellen und generell ein bisschen leiser zu sein. Doch schon bald hören wir jedoch den Rädelsführer wiederkommen und von Null auf Hundert in 5 Sekunden wird es wieder laut und es werden Lieder geschmettert, die eindeutig uns gelten, denn sie handeln von einer Gringa im Zelt. Später folgen immer wieder mal englische Phrasen, die sich auf
maximal zwei Wörter begrenzen oder irgendwas mit Aleman zu tun haben…

Mit der Dunkelheit fing es auch ein bisschen an zu regnen, doch dieser will sich nicht so richtig zu einem großen Regen entwickeln und trippelt immer nur leicht auf unser Zelt. So liegen wir da, wünschen uns die erlösende Sintflut herbei und werden doch nicht erhört. So dauert es dann bis 4 Uhr 30, dass sich die Herren von dannen machen und wir und unsere Zeltnachbarn endlich einschlafen können. Uns standen also gut Viereinhalb Stunden zur Verfügung uns auszumalen ob wir reagieren sollten oder nicht und wenn, vor allem wie, versuchen einzuschlafen oder die Zeit mit Lesen zu überbrücken. Mir ist bisher unerklärlich warum diese bewusste Provokation erfolgte, obwohl wir uns zuvor in die Gruppe integrierten und sogar unsere Gitarre beisteuerten. Das alleine mit Alkohol zu erklären wäre ein bisschen dürftig – aber es ist auch bisher die einzige wirklich negative Erfahrung und im Rückblick auch wieder harmlos. Die bewusste Abgrenzung eines „Wir“ und „Ihr“ durch die Gringo-Klassifikation, die eigentlich „nur“ U.S. Amerikanern
zukommet, fand ich etwas erschreckend, da in Anwesenheit des Kindes dieser Begriff für andere am Feuer sitzende benutzt wurde – obwohl sie wiederum garnicht zu traf, als wir dann nach nachfragten, wer eigentlich diese „Gringos“ seien.

Am folgenden Tag ermöglicht uns der Nieselregen und der Nebel ordentlich Schlaf im Zelt nachzuholen, ergänzend nutzen wir den Tag für einen kleinen Rundgang durchs Dorf inklusive Fotoshooting. Wie wir gestern, also Samstags, erfuhren, sind die weiteren Busverbindungen wirklich ungünstig. Montags fährt ein Bus zurück nach Cochrane und Mittwochs soll es den ersten Bus geben, welcher nicht nach Villa O’Higgins fährt, jedoch zu einem Ort, welcher vielleicht 50 oder 60km vor Villa O’Higgins liegt. Bei diesem Ort handelt es sich im übrigen nicht wirklich um einen Ort – warum also der Bus nur bis dorthin fährt?! Wer weiß das schon. Donnerstags soll es einen Bus von Cochrane geben, welcher direkt nach Tortel fährt. Also entscheiden wir uns Montags den Cochrane-Bus bis zur Kreuzung zu nehmen und von dort zu trampen.
Die Besetzung des Zeltplatzes wechselt sich im Laufe des Tages und so kommen heute mehrere Chilenen an, die eigentlich einen Bus nach Villa O’Higgins nehmen wollten, aber in einen Unfall verwickelt wurden, zwar heile geblieben waren, aber nicht völlig ohne ein paar Schrammen. Für uns ist dies eine Erinnerung, dass die zwar landschaftlich reizende Carreterra auch ihre Gefahren birgt. Die Straße ist vielleicht 1,5 Fahrzeuge breit und das Fahrverhalten nicht immer vorsichtig.

Auch diese Nacht stellen wir fest, wir haben scheinbar den 6er im Lotto gewonnen und der Hauptpreis ist Ruhestörung. Schon als wir gegen Mitternacht uns schön im Schlafe wiegen, kommen fröhliche Menschen und stimmen
lautstark ein Liedchen an. Diesmal residieren diese Leute glücklicherweise etwas weiter an einem Unterstand, doch das vermindert den Lärm nur ein bisschen…trotzdem können wir irgendwie, irgendwann schlafen.

Wieder einmal klingelt der Wecker früh und wir absolvieren unser unregelmäßiges Fitnesstraining: Rucksackschleppen, heute 40 min. Am Dorfparkplatz treffen wir auf eine weitere Passantin unserer lustigen Hinreise nach Tortel, eine Inlandstouristin. Auf der Hinfahrt sorgte sie für Heiterkeit, als sie plötzlich an einem Aussichtspunkt ihre Kamera mit einem, ungelogen, 30 -40 Centimeter Objektiv ausstattete und auf Motivjagd ging.

Die vor uns liegende Strecke beträgt vielleicht 140 Kilometer, welche von einer Fähre unterbrochen werden, welche 3x am Tag fährt und gratis ist.
An der Kreuzung, nach circa 20km steigen wir aus und treffen auf eine Irin, welche ebenfalls in unsere Richtung möchte. Sie hat Glück und hat schon nach rund 30 Minuten eine Mitfahrgelegenheit. Leider ist nur noch dieser eine Platz für sie frei und so bleiben wir zurück. Alle 15 bis 20 Minuten kommt ein Auto vorbei, doch stets fahren sie entweder nach Tortel oder nach Cochrane. Das erste Auto in unsere Richtung sind Bauarbeiter, welche auch nur 5km weiter fahren, uns also nicht viel bringen. Danach kommt ein Auto, welches nicht für uns anhalten will und danach folgt lange, lange nichts, sodass klar ist, dass wir die 12 Uhr Fähre nicht mehr bekommen werden, bleibt also warten auf ein Auto für die 18 Uhr Fähre.
Die Fahrerin im nächsten Auto kann uns trotz freiem Platz leider nicht mit nehmen. Warum? Da sie ein Regierungsfahrzeug fährt. Vorschrift ist Vorschrift.
So warten wir und warten und wir und schlussendlich kommt dann doch ein Auto. Der nette Mann arbeitet bei der Fähre, kommt von Cochrane, fährt also gute 2 Stunden zur Arbeit.
Ich versuche mich in einer Konversation, doch unsere Spanischkentnisse sind immer noch bescheiden und ich bin mittlerweile dazu übergegangen bei Konversationen verständnisvoll zu nicken und unverständliche Zustimmung auszudrücken. Das klappt eigentlich ganz gut. Wenn dann hier und da nochmal nachgefragt wird, läuft das Gespräch oder der Monolog fast wie von selbst.
Pünktlich kommen wir zur letzten Fähre am Tage an. Puerto Yungay, der Ort mit der Fährstation ist nicht mehr als eine Fährstation mit drei, vier Häusern. Wir haben noch gut 90 Minuten, welche wir mit Warten verbringen können, die Hauptbeschäftigung an diesem Tage. So spreche ich ein bisschen mit einem kleinen Jungen aus Coyhaique, der hier den Sommer über ist, da seine Mutter an der Fähre die Bordküche verwaltet. Die pflichtbewusste Frau mit dem Auto des Staates ist auch da und musste warten, so dass man ihr garnicht so bös sein kann. Circa eine halbe Stunde später rollen langsam weitere Autos an, so dass sich uns ganze drei Mitfahrgelegenheiten bieten, wir fragen zwei jüngere Menschen, deren Pickup noch am leersten ist und kriegen sogar einen Platz im Wagen.

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