Warten, warten…

Cochamó – Puelo und so weiter
Frisch und Munter. Also eher Munter und weniger frisch wollen wir einige Kilometer hinter uns bringen und verlassen unseren Campingplatz. Täglich gibt es einen Bus Richtung Süden und der kommt dann sogar mehr oder weniger pünktlich. Nach einer schönen Fahrt, die mal wieder, ihr ahnt’s schon, über eine Staubpiste ging und schöne Seeblicke lieferte, landeten wir in irgendeinem verschlafenen Ort. Der nächste Bus der uns wieder etwas weiter bringt, führe in einer Stunde, erfahren wir. Willkommene Zeit, welche hilft unsere Übelkeit vom Schütteln und Rütteln etwas abklingen zu lassen. Der nächste Bus führt uns wieder etwas weiter, immer weiter in den Süden. Während wir die meiste Zeit durch eher weite Flur fuhren, scheint es auf einmal mitten durch den Wald zu gehen und tatsächlich wurde für den Ausbau der Carreterra Austral ab den 70ern so einiges an Gestein und Gehölz weggebombt um den Weg zu ebnen.
P1170498Nach stundenlangem Rütteln und Schütteln kommen wir so um drei Uhr nachmittags an einer Fährstelle an. Hier dürfen wir dann wieder so etwa 2 Stunden warten. In dieser Zeit passiert im übrigen auch nicht viel. Unsere Wartestelle ist der einzige schattige, begraste Punkt, an welchem man sitzen kann. Und wir sitzen nicht alleine: Müll vorheriger Wartender und wohl auch die eine oder andere verrichtete Notdurft schweben noch etwas im Raume.
Die Fähren kommen und gehen, aber der Bus kommt nicht. Ein Mann mit Kind macht den Finger (hacer dedo) und wird mitgenommen. Wir überlegen, dass es entlang der vor uns liegenden Strecke nicht so aussichtsreich ist zu trampen und warten, warten, warten. Auf einmal kommt unser Bus und noch dazu ein großer. Nach etwa einer Stunde Fahrzeit steigen dann auch wieder der Mann mit Kind dazu – lagen wir also mal richtig. Immer weiter geht es durch wunderschöne Landschaft und so bleibt es eigentlich auch fortwährend.

Hornopirén
Irgendwann dann, so etwa um 7 Uhr Abends landen wir in Hornopiren. 8h fahren und warten haben uns an diesem Tage 150km weiter gebracht. Hier ist die Stotterpiste erstmal vorbei, denn am morgigen Tage wollen wir eine Fähre nehmen, die uns weiter südwärts bringt. Wir suchen einen Campingplatz und werden auf einmal verschwörerisch von einem kleinen Mann mit halb-zahnlosem und vom Wetter gezeichnetem Gesicht angesprochen. „He, He du, Willst du ein A kaufen?“ Als er merkt, dass wir für solche krummen Sachen nicht zu haben sind, bietet er uns sein Gartenstück, in das wir gerade so das Zelt gestellt bekommen, an. Etwas verwirrt willigen wir ein, denn 3.000 Pesos für uns beide ist ziemlich günstig, wobei er sogar noch, als wir zögerten auf 2.000 runterging, woran er sich natürlich beim Zahlen nicht mehr erinnern konnte. Mit großer Überzeugung zeigte er uns seine Küche und sein Bad. Das Wohnzimmer bestand aus einer Sitzecke mit kleinem Fernseher und auf dem Gasofen schwamm schon das Rindfleisch im Topfe. Das Bad motivierte nicht zu einem
umfassenden Aufenthalt und so hatten wir wohl unseren ersten Eindruck in die Lebensgestaltung eines Menschen der Arbeiterklasse in Chile. Hornopiren selbst bietet einen Vulkan und einen Nationalpark, den wir aber nicht beachten wollten, sondern einfach nur weiter. Während der Fahrt und auch hier zeigte sich immer mehr, dass die Lachs- oder sonstige Fischzucht sehr verbreitet ist. Wo man Wasser sieht, da sind die Fischfarmen nicht weit. Wie wir später erfahren ist die ganze Sache mit der Lachszucht nicht nur toll, von wegen Arbeitsplätzen und alle haben lecker Lachs – das ganze sind ja groß angelegte schön mit Chemie versorgte Monokulturen und bringen das Gleichgewicht innerhalb der Umgebung schon nachweisbar durcheinander. Doch das ist nur Halbwissen, also weiter im Text. Eine groß aufgebaute Musikanlage mit Bühne am Ufer liess uns auf eine Veranstaltung hoffen, doch stattdessen interviewte eine Frau Leute die gerade aßen. Und sie aßen, weil es eine Art Essensausgabe gab. Die ganze Situation war etwas schwierig zu durchschauen, also gingen wir etwas verwirrt weiter.

P1170536Am nächsten Morgen gehen wir also zur Fähre und kommen mit einer Gruppe circa 60-70 jähriger deutscher Reisender ins Gespräch. Während ich beginne meine Vorurteilskiste weit aufzuziehen, kann ich sie schnell wieder zumachen, als ich erfuhr, dass zumindest ein Teil der Gruppe schon in frühen Jahren, also in den 70ern in Ägypten, im Sudan und Israel oder mit dem Bulli durch Südamerika reiste. Da kommt mir jegliche Art zu reisen, außer vielleicht per Fahrrad und nur per Anhalter als reines Weichspülprogramm vor. Jetzt ist es vielleicht eher die Herausforderung sich aus dem Überangebot an Informationen zu befreien, doch von der touristischen Infrastruktur kommt man nicht so wirklich los und wir beginnen die Touristen-Informationen zu mögen, wobei sich die meisten als wenig hilfreich herausstellen.

Parque Pumalin – Chaiten
Nach der ersten Fähre heisst es für uns dann natürlich wieder: warten. Während die vielen Fahrzeuge losfahren um die circa 10km bis zum nächsten Fährpunkt zu überwinden, warten wir mit einem Radfahrer und einem Wanderer auf den Bus, der nicht kommt. Mindestens eine Stunde später kommt dann unser Bus, aber die Fähre ist schon weg und so dürfen wir dann auf der Fähre warten bis eine neue Fährfuhre neue Autos bringt. Uns stehen zwei Optionen offen, entweder wir blieben am Anlegepunkt: Caleta Gonzalo und campen dort, informieren uns über den Parque Pumalin – ein Naturschutzprojekt des Esprit-Begründers Douglas Tompkins oder fahren direkt nach Chaiten und fahren später wieder in den Naturpark. Natürlich kommt es alles anders. Wir entscheiden uns für Chaiten, denn an die letzte warme Dusche können wir uns nicht mehr erinnern und so etwas wie eine Matratze erscheint uns doch ziemlich verlockend. Wir fahren mit einem chilenischen Trio das per Wohnwagen unterwegs ist und so geht es wieder über feinste Stotterpiste durch
den Pumalin Park. Bald schon sehen wir die verheerenden Folgen des Vulkanausbruchs vor einigen Jahren – ein ganzer Landstrich liegt vollkommen tot vor uns. Tote Bäume, vollkommen grau, mit dürren Ästen stehen dort, im ewigen Winter.  Leider haben wir keine Fotos machen können.

P1170591Der Vulkanausbruch hat natürlich auch die Stadt Chaiten erfasst, welche sich in einem surrealen Geisterstadtmodus befindet. Neu errichtete Häuser stehen neben verlassenen, vernichteten Häusern. Auf der Suche nach einer Unterkunft gehen wir erstmal zur Touristinfo, die recht hilfreich ist, nur Kartenmaterial zum Parque Pumalin – also dem direkten Naturpark gibt es hier nicht – Wie schon in Hornopiren fragen wir uns, warum die Infopunkte keine Broschüren zu den naheliegenden Naturparks haben. Es gibt das Material, es wird nur scheinbar etwas unzureichend verteilt. Dies ist natürlich ein Punkt, wo der Klugscheissmodus anfängt und es schwierig ist auszutarieren inwieweit wir Recht haben oder uns vielleicht einfach besser mit den Gegebenheiten anfreunden. Solange man ja auch keine Info rausgibt, was zu verbessern wäre, kann man wenig erwarten.

In Chaiten erfahren wir dann, dass weiter in den Süden nur zwei Busse in der Woche fahren, Mittwochs und Sonntags. So fällt unser geplanter Ausflug in den Pumalin Park leider aus und währen wir vorher schlauer gewesen, hätten wir auch mit dem Wohnwagentrio nach Coyhaique fahren können. Aber so ist es wie es ist und wir verbringen noch einen Tag in Chaiten, suchen einen Campingplatz und verbringen dort den Tag mit interessanten Gesprächen mit einem pensionierten deutschen Wohnwagenreiseduo.P1170584
Am nächsten Morgen geht es dann wieder ganze 12h nach Coyhaique in den Süden. Die Landschaft: umwerfend. Weniger umwerfend ist der Fakt, dass die ganze Zeit über ein Busfahrer den Bus fuhr, aber wir sind heil angekommen und haben dank den Deutschen aus Chaiten den einzigen Campingplatz in Coyhaique gefunden.

Coyhaique
Wir sind froh wieder in so etwas wie in einer Stadt zu sein und natürlich noch froher keine 10.000 Pesos für eine Unterkunft, sondern nur die Hälfte zu zahlen, was für einen Campingplatz immer noch viel ist, aber dafür gab es seit langem mal eine richtig gute Dusche – warm und mit ordentlich Wasserdruck. Da wir ein paar Tage bleiben, wechselt öfters die Belegschaft, doch ein Schema bleibt: es sind immer 21 Jahre alte Chilenen und Israelis. Mit unserem Spanisch kommen wir noch nicht so weit, doch erfahren wir dann in Englisch immerhin einige Interessante Dinge über die Lebenssituation der „jungen Menschen“ :). So leben viele noch in ihrem Elternhaus, bis sie selber heiraten und auch Großfamilien sind noch durchaus ein bewährtes Konzept. Inwiefern das jetzt am Zusammenhalt oder der ökonomischen Notwendigkeit hängt ist schwierig zu sagen – vermutlich ist es jedoch eher letzteres. Für einen der Jungs, mit dem wir sprachen, war es auch der erklärte Wunsch selber 4 bis 6 Kinder zu haben und auch nach Möglichkeit die Rollen im Hause klassisch zu verteilen. Ideal wäre, so sagten eigentlich alle, nahe an Santiago, aber trotzdem ausserhalb der Stadt zu wohnen. Bildung und sonstige Versorgung sind wohl dort am besten – woraus sich die problematische Situation ergibt, dass allein 5 Millionen der 16 Millionen Landsleute in dieser Stadt befinden und es vermutlich nicht weniger werden….

In Coyhaique gab es auch, subjektiv gesehen, die erste ordentliche Informationsstelle. Es gab Infobroschüren zu gut wie allem, was weiter südlich ist. Wohl ausgestattet und gut eingekauft, stellen wir dann fest, dass die Busse, welche in den Süden fahren, alle schon ausgebucht sind. Also stellen wir uns an den Straßenrand und machen uns auf nach Villa Cerro Castillo – wo wir die, bis jetzt, coolste und eindruckvollste Wanderung machen werden/gemacht haben 🙂

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