Cochamó Valley

Nach gut 3 Stunden Fahrt durch, mal wieder, wunderschöne Landschaft: grüne, hohe Wälder und in der letzten Stunde entlang eines großen breiten Flusses, landen wir kurz nach dem Dorf Cochamó am Beginn unseres Wandertages, der leider schon etwas fortgeschritten war. Dies ist übrigens auch der Startpunkt kommender, endloser Fahrten über steinige Staubpisten. Das erklärt vielleicht ganz gut warum wir für eine 92km lange Strecke 3 Stunden brauchen.

Nach einer kurzen Wartezeit am staubigen Straßenrand, werden wir zusammen mit zwei chilenischen Schülertruppen (hier ist im Moment Ferienzeit, weswegen man viele chilenische Schüler und Lehrer antrifft), also insgesamt vierzehn Personen samt fetten Rucksäcken, auf eine kleine Pickupladefläche gepfercht und düsen die verbleibenden 6 km durch kleine Bäche und große Schlaglöcher bis zum offiziellen Trailstartpunkt. Uhrzeit: 16:00.

Sehr motiviert geht es über Stock und Stein immer entlang des Rio Cochamo, zunächst durch eine breite Wiesenlandschaft die noch bewirtschaftet wird, bis wir schließlich in den chilenischen Wald eintauchen.

„Wer den chilenischen Wald nicht kennt, kennt diesen Planeten nicht“ – Pablo Neruda (chilenischer Dichter)

Wir, ganz ohne Ahnung und erschlagen von der Schönheit des Waldes, haben nun einige Schwierigkeiten mit der Pfadbeschaffenheit. Drei Tagen zuvor hatte es ausgiebig geregnet und der ohnehin matschige Pfad hat sich an einigen Stellen in einen Sumpf verwandelt. Anstatt also schön dem Pfad folgen zu können, müssen wir immer wieder auf Alternativpfade ausweichen oder uns auf einem Alternativpfad zum Alternativpfad durchs Unterholz schlagen. Nur für eine Gruppe ist das alles wohl ein geringeres Problem: die Pferde. Da in der Nähe unseres Zielcampingplatzes ein Refugio ist, welches Zeltlosen Wanderern Unterkunft gewährt und  verpflegt, müssen irgendwo die Nahrungsmittel her und das einzig mögliche Transportmittel hier stellt der Rücken der Pferde dar. Daher begegnen uns mehrfach Pferde die teils beritten, teils geführt, mit ordentlichen Paketen oder Rucksäcken beladen an uns vorbei trampeln. Sowohl die Last von den Schultern zu haben, als auch das Gefühl durch diesen einzigartigen Wald zu reiten hat uns doch etwas sehnsüchtig werden lassen, aber wir wollen meine Allergie gegen chilenische Pferde nicht herausfordern. Was übrig blieb, war ein wunderbarer Duft im Wald, der irgendwie nach einer Mischung aus Pferden und dem Kastanien-Shampoo von Weleda roch (ob sich die Pferde damit wohl die Haare waschen?!) und auch nicht zu Niesern meinerseits führte.
Diesen Weg, der bis an die argentinisch Grenze führt, gibt es natürlich auch nicht erst seit dem der Tourismus in den 90ern hier Einzug erhielt, sondern besteht seit über 100 Jahren und wurde zum Viehtrieb benutzt [1].
Dieser Wald durch den wir uns bewegen nennt sich übrigens „temperate Rainforest“ und soll einer von nur dreien noch existierenden Wäldern dieser Art auf der Welt sein [1].

Es geht immer weiter durch den Matsch und den einen oder anderen Fluss. Teils können wir große Steine nutzen, teils dienen riesige gefällte Bäume als Brücke. Ein ganz besonderer Vorteil des Wanderns im Seengebiet und Patagonien, vor allem im Vergleich zu unserer Laguna Verde Tour, ist, dass kein Wasser geschleppt werden muss. Jede halbe Stunde führt uns der Weg an einem Bachlauf mit klarem trinkbaren Wasser vorbei. Irgendwann schleicht sich trotz der uns umgebenden Schönheit doch der Wunsch ans Ankommen in unsere Gedanken und so langsam nimmt auch die Sicht in diesem Dickicht zunehmend ab. Einige Abstürze im Matsch und Fluss führen dazu, dass Judith seit Stunden in komplett durchnässten Schuhen steckt und in meinen der Schlamm vor sich hin gluckert. Die Hüften und Schultern schmerzen vom schweren Gepäck – wir haben alle Sachen plus Essen für 3, 4 Tage mit und gegen 21 Uhr entscheiden wir uns endgültig heute nur noch die nächste freie Fläche suchen und morgen weiter zu wandern. Irgendwann kommen dann die Mädels von der Pickupfahrt in Sicht- und vor allem Rufweite. Die vielleicht 17-18jährige 5er Gruppe hatte sich aufgeteilt und eine hing schon seit längerem weinend und verzweifelt zurück. Während sie sich entscheiden noch im Wald zu campen schleppen wir uns etwas weiter, lediglich angetrieben durch die schiere Hoffnung doch noch das ersehnte Camp zu erreichen. Irgendwann nutzen wir dann doch die erste freie Fläche um total erschöpft ins Zelt zu fallen.

Am nächsten Morgen stellen wir dann fest, dass wir noch eine halbe Stunde gebraucht hätten um anzukommen, aber so haben wir Geld gespart 🙂

La Junta Campingplatz
Plötzlich stehen wir dann in einem wunderschönen, von hohen, hohen Granitfelsen eingezäumten Tal, das alleine mit Fotos, geschweige denn Wörtern nahe zu bringen unmöglich ist. Was natürlich für eigentlich alle Orte gilt, aber für diesen ganz bestimmt nochmal ein bisschen mehr. Der Campingplatz erstreckt sich über ein weites, offenes Areal dessen Bewohner sich mit ihren Zelten in der Suche nach Schatten an die Bäume schmiegen. Kompostklos und eine durch Sonnenstrahlen erwärmte Dusche runden das Bild ab, dass hier doch sehr nachhaltig versucht wird den Ort im Einklang mit der Natur zu halten. Seinen Müll bringt man und nimmt man mit, was größtenteils auch alle machen, wobei manche Menschen da schon etwas nachlässig sind…aber es ist insgesamt wirklich wenig und wird dann durch die Besitzer entfernt.

Einzig einen Störenfried gibt es in diesem Paradies und das sind die fiesen Stechviecher, die uns schon bei unserem Tagesausflug genervt haben. So gibt es teils Bereiche, die sind super belagert, so z.B. Flussstellen. Die einzige Chance ist, nichts dunkles zu tragen und sich möglichst nicht zu bewegen. Sonst hat man schnell mal 5, dann 20 von den Viechern um sich schwirren. Was allgemein nicht wirklich der Friedfertigkeit, die der Ort ausstrahlt zuträglich ist – sogar Judith hat ihre Geduld und Tierliebe gegenüber denen verloren.

Völlig erschöpft verbringen wir die Tage eigentlich nur mit dem Schonen unserer wehen Knochen und Muskelgrüppchen. Von hier aus kann man viele Tageswanderungen machen oder sogar noch viel weiter bis zu einem See und dann zur argentinischen Seite fortschreiten. Es ist ein bisschen ärgerlich, denn mit der Schönheit dieses Ortes haben wir nicht so richtig gerechnet. Einige Gruppen sind hier über 6 Tage, andere vielleicht sogar länger, auch zum Klettern soll dies ein vorzüglicher Ort sein – ohne Ahnung zu haben, kann man sich das bei diesen gigantischen Felsen doch eigentlich gut vorstellen. Trotz des recht hohen Andrangs herrscht eine recht friedfertige Atmosphäre…Sobald die ersten Feuer am Abend gelegt werden, dringt aus mancher Ecke das geklimper einer Akustikgitarre und auch das Surren der fiesen Viecher verebbt langsam. Kühe kommen vorbei um zu grasen und ein Raubvogel stolziert über den Rasen auf der Suche nach leichter Beute und kommt uns vor wie ein hochvornehmer Kellner, der einen großen Gehfehler hat.

Eine coole und sehr nahe gelegene Entdeckung war eine riesige Naturrutsche, welche sich nur fünf Minuten vom Campingplatz befindet. Das Wasser ist eisig kalt, doch während der heißen Tage ist es eine willkommene Ablenkung. Es kostet uns allerdings etwas Überwindung, denn die Wassertiefe ist nicht so gut zu ermitteln, doch schnell haben wir Feuer gefangen und rutschen immer weiter. Ein anderes cooles Fortbewegungsmittel ist natürlich auch das Cable-car, mit welchem man den Fluss überqueren kann.

Nach ein paar Tagen gehen uns der Proviant so langsam aus und aufgrund des qualvollen Rückwegs gehen wir davon aus, den Rückweg in zwei Tagen bewältigen zu müssen.

Doch es kommt anders, wir brauchen gut zwei Stunden weniger und haben natürlich weniger Gewicht, aber auch die Wege sind wesentlich trockener, sodass sich unsere Fluchquote deutlich reduzierte. Wie gerufen kommt gerade ein Pick-Up an den Trailanfang, sodass wir die letzten 6km entlang der Staubpiste nicht laufen müssen.

Wieder an der Hauptstraße angelangt kreuzen wir die Brücke zum nahgelegenen Campingplatz. Nach Tagen der Entbehrung gibt es die Staubpiste etwas hoch einen klitzekleinen Laden, den der Besitzer uns aufschliesst, als er uns herantrotten sieht und wir uns mit Bier und Cola belohnen. Mangels Wechelgeld dreht er uns noch Schokolade an, die er anpreist, dass sie sogar (!) Cerealien enthielte. So beenden wir, von Kartoffelpüree mit Zwiebeln gesättigt und mutterseelenallein mit Gitarre und Lagerfeuer den Wandertag und denken uns: „oh wie schön ist Chile – ja.“

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[1]http://en.wikipedia.org/wiki/Cocham%C3%B3_Valley

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2 Antworten zu “Cochamó Valley

  1. Hallo ihr zwei. Macht Spaß eure Eindrücke „quer“ zu lesen. Und wer mag, ist herzlich eingeladen, meinen Blogeintrag über Cochamo zu lesen: hendriksjourney.wordpress.com Ich denke, es lohnt sich 😉 Liebe Grüße! Auch an den Platzwart 😉 Hendrik!

    • Hey Hendrik,
      haben uns vermutlich knapp verpasst, bzw. nicht gesehen, sind erst Samstags wieder zurückgegangen. Das mit dem Platzwart verstehen wir leider nicht?!?!

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