Valparaiso – ein Kurzportrait

P1160338278.000 Einwohner, mit dieser Größeneinheit haben wir versucht Valparaiso auf unsere Bonner Perspektive runterzubrechen und uns irgendwie verständlich zu machen. Doch Valparaiso ist nicht nur ein paradiesisches Tal mit Meerzugang, es hat auch jede Menge Hügel. Das und vieles mehr jedenfalls lässt keinen, ohnehin unnötigen, Vergleich zu.
Zu, Auf, Durch und Um die Hügel führen den Fußgänger enge, interessant verlaufende, immer wieder mal sehr steile Wege. Eine alternative Möglichkeit der Fortbewegung und sehr berühmt sind die Ascensores (man könnte es Aufzug nennen), von denen noch 15 übrig sind (die ältesten sind über 100 Jahre alt).

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…apropos Verkehr
Jene erfüllen übrigens nicht die chilenischen Sicherheitsbestimmungen. Ein weiterer besonderer Augenfang sind natürlich auch die Trolleybusse. Alte, wohlgeformte Blechlawinen die durch Oberleitungen mit Strom versorgt werden. Der „antike“ Wert liegt ja selten mit dem finanziellen gleichauf und so konnte der weitere Betrieb bis nächstes Jahr nur durch Subventionen durch die Regierung abgesichert werden.[1]

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ein paar Eindrücke:
Valparaiso sieht nicht so aus, als gäbe es spezielle Bauvorschriften und so bietet sich eigentlich auf Schritt und Tritt an jedem Hügel (Cerros) eine immer völlig neue Häuserkombination, die sich mit ein bisschen Vorstellungskraft als ein chaotisches drei bis vierdimensionales Tetris beschreiben ließe. Blickt man von den Hügeln ins Tal bietet sich die wohl typisch städtische Ansammlung von hässlichen modernen Hochhäusern, aber auch alten jugendstilähnlichen Gebäuden.

P1160510.
Auf den Cerros regieren dann aber die zwei bis vierstöckigen Häuser und es wirkt wie ein riesengroßes, kunterbunt angemaltes Dorf. Egal um welche Ecke man schaut, überall befinden sich Grafittis. An den Häusern, Mauern, Treppen, überall.
Dies und viele andere Gründe haben wohl auch die Unesco bewogen Valparaiso im Jahr 2003 zum Weltkulturerbe zu erklären [2]
Mit Durchschnittstemperaturen, die kaum unter 10° fallen und circa 20 Regentagen im Jahr sind wohl auch gute Grundlagen geschaffen für den Erhalt dieser Mixtur aus alter Architektur und kreativer Raumforderung. Noch dazu wirkt hier auf uns alles etwas zwangloser und lockerer. Häufig sehen wir irgendwo Straßenkünstler oder Straßenmusiker, mal mit Stromgenerator und Verstärker, manchmal nur mit Gitarre und noch öfter sieht man einfach Leute mit Instrumenten herumlaufen. Eines Samstagabends haben wir uns die benachbarten Hügel angeschaut und sind einfach so in eine Freiluftprobe einer vorrangig aus Bläsern bestehenden Band reingelaufen. Die Präsenz von Kulturschaffenden ist vermutlich durch die vielen Universitäten hier zu erklären, aber es ist wohl auch die Stadt, welche Möglichkeiten gibt oder eben nicht.
Und im Fall von Valparaiso ist es vermutlich in historischer Hinsicht nur logisch.: „Bis heute vermittelt Valparaíso dem(jenigen, Anm.) das Gefühl einer Behinderung, der mit seinen Händen nicht zu zeichnen, zu malen oder ein Instrument zu spielen versteht“ [3]. Der zitierte Artikel beschreibt tiefergehend die Geschichte Valparaisos Anfang 1900, wie sie zu ihrem reichen kulturellen Leben kam, dem vorerst kulturellen Einbruch durch die Pinochet-Diktatur und dem neuerstarken heutzutage.

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Markt & Arbeit
Die kapitalistische Logik der Großsupermärkte hat das öffentliche Leben hier jedoch noch nicht völlig in der Gewalt. Überall befinden sich kleine Läden, welche von allem ein bisschen oder öfters, nur ein Fachgebiet bedienen. Einer für Käse, der andere für Fleisch, der andere für Brot, einer für Bier, der andere für Wein. Dazwischen befinden sich dann die kleinsten der Kleinunternehmer: Menschen mit Ständen oder nur ihrer Ware am Körper: Sonnenbrillen, selbst gemachter Schmuck, sowie einen lautstarken Ein-Mann-Fachhandel für Vorhängeschlösser jeder Größe, ein anderer Mann fährt im Rollstuhl herum und verkauft Klopapier und natürlich unsere favorisierten Veggie-Hamburger und Tortillaverkäufer.

Interessant ist aber auch die Arbeitsorganisation in den kleineren Geschäften, die uns zeitweise vor Verständnisprobleme stellt, denn ihre Logik will sich uns nicht so recht erschließen. So gibt es selten Geschäfte in denen man sich selber bedient. Die Ware ist hinter einem Tresen aufgestapelt. Soweit so gut. Dann gibt es folgenden Ablauf, der je nach laden mehr oder weniger kompliziert ist: man sagt irgendwie, was man denn gerne hätte. Die bedienende Person gibt einem dann einen Zettel. Man nimmt nur (!) den Zettel und geht zur Bezahlstation. Währenddessen bringt die erste Person die Ware zur Auslieferungsperson. Nach erfolgter Bezahlung an der Bezahlstation erhält man ein weiteres Zettelchen, welches man dann an der Auslieferungsstation abgibt. Hier darf man nun, wenn alles erfolgreich abgelaufen ist, seine Ware in Empfang nehmen. Wir haben noch nicht ganz verstanden, ob es Diebstahl vorbeugen soll, besonders effektiv bei hohem Andrang von Personen ist oder Beschäftigung sichert (ca. 6,6% Arbeitslose [4] oder vielleicht ist es so, weil es so ist.

P1160492Da unser Schulweg durch das Bankenviertel führt, sehen wir fast täglich auch die Geldtransporter, die scheinbar an jedem Tag Geld bringen oder abholen. Schwere, dicke Transporter und bewaffnete Sicherheitsleute kenne ich bisher nur aus Filmen und so hab ich schon öfters überlegt wie man denn überhaupt so einen Geldtransporter überfallen könnte. Jaja, Faszination Alltag. Apropos Alltag: zur linken seht ihr unser Klassenzimmer.

Nachdem wir gestern mal wieder in ein Folk-Konzert von Musikern in Slayer T-Shirt und in eine Art Straßenkünstlerfestival gelaufen sind, wurde klar, wir mögen diese Stadt sehr gerne. Das Wetter ist gut, die Menschen sind nett, es ist immer irgendwo was los, es ist nicht so hektisch, es weht immer ein laues oder starkes Windchen. Eigentlich so eine der ersten Städte, die ich so richtig cool finde.

[1]http://de.wikipedia.org/wiki/Oberleitungsbus_Valpara%C3%ADso
[2]http://en.wikipedia.org/wiki/Valpara%C3%ADso
[3]http://www.zeit.de/2004/40/Valparaiso_neu/seite-1
[4]http://www.indexmundi.com/g/g.aspx?c=ci&v=74&l=de

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