Tage am Meer

8,5 km bis zum Campingplatz. So stehts im Internet. 8,5 Kilometer, ja was sind schon achteinhalb Kilometer?! Das denken wir uns und stapfen vollbepackt mit Essen für drei Tage und einem 5l Kanister Wasser durch Valparaiso und nehmen einen Microbus nach Laguna Verde. Unser Kenntnisstand bis dahin war, dass es entweder einen Strand gäbe, wo man so campen könne oder aber eben den Campingplatz. Wie so oft ist die Realität anders als das, was sich so im Internet recherchieren lässt. In diesem Fall warm und unwegsam…
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So stapfen wir vom letzten Haltepunkt des Micros mit einem kleinen Schulkind (Tais) los, welche uns circa drei/vier Kilometer lang begleitet und so lange unentwegt schweigend anstarrt, bis wir uns entscheiden dann doch mit ihr zu reden. Neben ihr begleitet uns auch ein Hundetrio.
Die ersten fünf Kilometer geht es konstant durch eine Wild-West artige Szenerie. Wir befinden uns auf einer Art Halbinsel, die sehr bergig und vor allem schlecht infrastrukturiert ist. Rings um die Straße, welche sich maximal als Piste definieren lässt, befinden sich Siedlungen von Holzhäusern, welche auf Pfählen stehen, um so die Bodenunebenheit auszugleichen. Da es keine Wasserversorgung gibt, müssen die Anwohner ihre großen Wasserkanister selber im „eigentlichen“ Ort, direkt am Meer, auffüllen. Einmal laufen wir an einem Mann auf einem Pferd sitzend, mit Cowboystiefeln und Hut ausgestattet, vorbei, ein anderes Mal höre ich nur Judith schreiend vom „Straßenrand“ weghüpfen und an dieser Stelle eine Schlange sich ins Gebüsch zurückschlängeln.

Durch dieses eigentlich ganz malerische Szenario schleppen wir uns also träge und schwitzend dahin… Tais verlässt uns irgendwann und von den Hunden bleibt auch nur noch eine übrig. Als sich nach zwei weiteren Kilometern herausstellt, dass sie sich wohl nicht von uns trennen wird, offenbart die Hündin Judith ihren Namen: „Gurki“ ( Genau, ihr erinnert euch sicherlich noch sehr gut an die sympathische Katze Gurki aus Israel). Wir konnten uns diese Namensverwandschaft auch nicht erklären.

Von der Sonne und dem Gewicht zu Grunde gerichtet erreichen wir irgendwann erschöpft den eingezäunten Campingplatz, doch die ganze Umgebung sieht ziemlich unbewohnt aus. Zahlreiche Feuerstellen, die so ausschauen als wurden sie lange nicht genutzt und ein verfallen aussehender Sanitäranlagenbereich erwecken einen einsamen Eindruck. Ein verfallener Pool vollendet das Panorama. Ein Riss im Zaun und ein Schild weisen uns den Weg zum Strand und einem herrlich offenen Gelände. Hier sieht wirklich alles schön aus. Kakteen, Aloe Vera Pflanzen und sonstiges Gepflänze stehen in perfekter Harmonie zusammen in der Gegend herum. Rechter Hand geht es zum Strand und der Möwen-Insel. Namensgeber für den Campingplatz. Hier entdecken wir auch auf einer kleinen Erkundungstour einen gestrandeten, ziemlich toten Seehund, den wir nur von hinten sehen konnten und uns entscheiden, dass dies genügt. Gurki läuft jedoch auf ihn zu und knabbert mal ein bisschen. Wir rufen sie zurück, aber sie tut wohl so, als würde sie kein Deutsch verstehen.

Die erste Nacht machen wir es uns an einer Klippe gemütlich. Da diese etwas abfällig ist, bezahlen wir den wunderschönen Zelt-Ausblick mit einem langsamen aber konstanten runterrutschen und wieder hochkrabbeln. Hierbei werden wir dann zwangsläufig wach und so ist es dann meist ein paar Sekunden still, bis die Sinnesorgane wohl wieder „normal senden“ und man dann wieder das Meeresrauschen hört. Faszinierend.

Am nächsten Tag ziehen wir um. Die Aussicht ist etwas eingeschränkter, unsere Liegeposition dafür horizontaler und wir sind auch nicht mehr ohne eiteres zu entdecken. So begnügen wir uns mit lesen, dösen in der Sonne und uns einen ordentlichen Sonnenbrand einhandeln. Doch ganz alleine sind wir ja nicht. Gurki bleibt bei uns. Wie es die Gastfreundschaft gebietet füttern wir sie durch und geben ihr zu trinken. Sie sichert dafür unser Territorium, plötzlich auftauchende Schafe, Ziegen und Pferde die ja auch nur etwas grasen wollen, werden von Gurki kritisch beäugt und bei Bedarf etwas deutlicher vertrieben. Schade eigentlich. Andere Begegnungen mit Tieren fallen jedoch weniger in ihres als in unser Interesse, so sehen wir auf einmal den Schatten eines Asts entlang des Innenzelts klettern und sehen durch die Öffnung wie lustig eine Stabheuschrecke (nehmen wir an) herumturnt und schnell wieder verschwindet..

Neben dem verlassen wirkenden Campingplatz zieht sich über die gesamte Insel eine Art unfertige Piste. Also Vertiefungen die vermutlich durch Bagger entstanden. Schon in der ersten Nacht konnte man ein blaues, scheinbar unbewohntes Haus entdecken. Wie in einem schlechten Roman steht es da, gottverlassen, nur die Ausläufer der Klippe vor sich, welche sich plötzlich wahnsinnig in die Tiefe stürzen..Was wohl mit den Bewohnern geschah?????

Am dritten Tag mache ich mich auf Entdeckungstour und finde es leer vor. Es sieht aus wie ein Ferienhaus. Da schleppen wir uns 8 oder 9 kilometerlang durch den Wilden Westen und auf einmal steht da ein großes schickes, frisch angestrichenes Ferienhaus. Da uns so langsam das Wasser ausgeht will ich mich auf den Nachbarschaftsgeist verlassen, aber es ist keiner da. Aus dem Wasseranschluss hinter dem Haus schröpfe ich ein paar letzte Tropfen.

Wir entscheiden uns nochmal das Campingplatzgelände aufzusuchen und siehe da, da ist ein Mensch. Der will uns aber partout kein Wasser geben und macht auch irgendwie deutlich, dass das Wasser immer hier hin transportiert werden muss. Schon in der ersten Nacht sind wir die Optionen durchgegangen. Versuchen Wasser zu klauen, fragen oder sich ganz auf dem Campingplatz sesshaft machen. Wir haben uns für Option Zwei entschieden und uns damit in die Nesseln gesetzt. Wir machen uns auf den Rückweg und entscheiden uns das Lager abzubrechen und den restlichen Liter für den mühsamen Rückweg zu nutzen. Es folgt uns ein Hund, den der Mann eigentlich zurückrief, aber es dann doch dabei beließ.Doch einmal am Zeltplatz angekommen wird Gurki, ganz in ihrem Territorialdenken aufgegangen, zunehmend unfreundlich und greift den dreimal so großen Hund sogar an. Glücklicherweise kommt Hund Nummer Zwei ohne große Fleischwunden davon. Kurze Zeit später kommt dann dann ein anderer Mann plus der Mann den wir fragten und der Hund der vertrieben wurde und fragt wie lange wir hier schon zelten würden und weitere Dinge die wir nicht verstehen. Wir versuchen klar zu machen, dass wir nun gehen würden. Die Männer gehen. Zwanzig Minuten später kommt dann der Unbekannte Mann wieder und will auf einmal Geld haben, uns aber kein Wasser geben. Wir wären wohl auf Privatgelände etc. Des Spanischen nicht fähig und auch noch nicht wirklich schlagfertig geben wir dem Mann was er will, es ist immerhin weniger als wir für beide Personen für eine Nacht auf dem Zeltplatz gezahlt hätten. Noch dazu hatten wir 2,5 schöne Tage in vollkommener Ruhe mit unserem Leihhund.

Der Rückweg verläuft zwar schneller als der Hinweg, aber das liegt vor allem an unserem Retter der uns nach den ersten abgeplackten 4 oder 5 kilometern in seinem Pick-Up mitnimmt. Louis ist Franzose und etwas erstaunt, dass wir als Nachbarn nicht französisch sprechen. Immerhin spricht er aber etwas englisch. Da er von seiner Pension in Frankreich schlecht leben kann, hat es ihn hierher verschlagen, wo er sich sein Häuschen auf der Halbinsel baut. Wir lassen Gurki schweren Herzens dort wo sie uns gefolgt ist, doch sobald wir sie aus dem Auto hieven ist sie schon weg und ward nimmer gesehen. Uns nimmt der nette Franzose mit in das eigentliche Dorf Laguna Verde, welches direkt am Strand liegt. Hier laufen wir dann auf richtigem Sandstrand ins eiskalte Meer des Atlantik und genießen die wunderschöne Aussicht, die eine Industrieanlage direkt am Meer so bieten kann. Kurze Zeit später nehmen wir stinkig und schwitzig wie wir sind ein Micro nach Valparaiso und warten nun gespannt auf den Spanischkurs, welcher am Montag startet.

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